Ich appelliere an die Menschlichkeit in euch, in uns allen, in jedem Menschen, der die Fähigkeit dazu besitzt, meine Worte zu verstehen. Ich fordere die Welt dazu auf, Behinderungen als Teil unserer Gesellschaft anzuerkennen. Insbesondere möchte ich mich für diejenigen Gehandikapten einsetzen, die nach aussen hin als normal betrachtet werden. Mit grosser Sorge erlebe ich immer wieder wie diese Menschen in der Gesellschaft übersehen werden. Ich bin einer von ihnen, der sich als Underachiever mühselig durchs Leben kämpft und endlich die Möglichkeit gefunden hat sich seinen Weg in die Freiheit zu bahnen. Meine Waffe ist mein Herz und mein Verstand. Mit Hilfe meiner Worte werde ich mich darum ernsthaft bemühen, die Gesellschaft wachzurütteln. Ich bin davon überzeugt, dass nicht nur ich davon profitieren werde, sondern alle, die meine Gedanken, Gefühle und tiefste Wünsche teilen.
Ich komme gleich zur Sache statt weiter um den heissen Brei zu reden. «Reziproke Behinderung» stellt für mich das Thema dar, das mich fesselt, weil es Wahrheiten in sich birgt, die entweder bewusst ignoriert, tot geschwiegen oder tatsächlich unbekannt sind. Der Titel mutet einen zu vielen Spekulationen an. Das soll er auch. Auf diese Weise wird das Denken in uns allen angeregt.
Ich hörte diesen Ausdruck zum ersten Mal in eines meiner unzähligen Sitzungen bei meinem Psychiater. Ich horchte sofort auf und beschloss, dieser Sache nachzugehen. Statt mich mit Daten aus Medien, Internet oder Büchern unnötig zu langweilen, machte ich mich sofort ans Werk, um dem Phänomen der Reziprozität auf den Grund zu gehen. Dabei verliess ich mich einzig und allein auf meinen Sachverstand, gesunden Menschenverstand, meiner breiten und tiefen Erfahrung, meiner Kreativität und meinem Herz…
Wir alle sind vom Autismusspektrum betroffen. Wir können uns noch so sehr dagegen sträuben, aber wir sind ein Teil eines Systems, das viele Kräfte in sich birgt. Kräfte können belebend sein. Sie können einem mit Energie erfüllen. Sie können aber auch zerstören, einen innerlich aushöhlen. Ich weiss, wovon ich spreche. Ich kenne das Gefühl, sich im Kreis zu drehen und dabei niemals sein Ziel zu erreichen.
Wissenschaftlich betrachtet bietet das Autismusspektrum Raum für viele Diagnosen, Analysen, Definitionen und Spekulationen. Dieses Feld zieht sich wie ein roter Faden durch medizinische Begriffe wie ADHS, atypischer Autismus, Aspergerautismus, hochfunktionaler Autismus und dysfunktionaler Autismus.
Ärzte, Psychologen, Therapeuten und Pädagogen versuchen auf ihre eigene Weise diese Daten in ihrem Kopf zu sortieren. Leider werden dabei auch viele Irrtümer gemacht. Der Versuch, diese aus medizinischer Sicht definierten Krankheitsgruppen graduell nach ihrem Schweregrad einzuteilen, führt zu Fehldiagnosen. Sie bedienen sich dieses Spektrums, als ob es sich um eine schöpferische Quelle des Wissens und der Instrumente zur Heilung von Geist, Seele und Körper handelt.
Aber ich und einige von euch bestimmt auch sehen sich darin wie in einem Spiegel. Eine enttäuschte Fratze spiegelt sich darin wieder. Sie grinst verbittert. Seht genauer hin! Sie will euch etwas sagen, etwas Wichtiges mitteilen! Wir haben viel zu lange dieses feixende Etwas ertragen müssen.
«Doch jetzt ist Schluss! Ein für allemal! Gehen wir auf die Barrikade!».
Ja, das sind meine Worte. Sie zeigen offen meine Wut, meine Trauer und meinen Schmerz. Sie sind nicht bloss pathetisch gemeint. Ich meine das, was ich schreibe, ernst. Aber mein nüchterner Verstand erinnert mich an unsere eigenen Grenzen. Und das ist auch gut so. Denn sonst würde ich tatsächlich etwas Unüberlegtes machen. Nein! Ich nutze meine innere Wildheit, mein brennendes Verlangen nach Anerkennung und Gerechtigkeit und mein ungestümes Wesen lieber dazu, meine vielen Gedanken, die durch mein Gehirn schiessen, in Worte zu fassen.
Mein Konzept über die reziproke Behinderung hilft mir dabei, meiner Arbeit eine Richtung zu geben. Dabei konzentriere ich mich auf zwei Störungsfelder, die sich wie Kraftfelder in einem gigantischen Kreis anordnen. Ich mache nicht den Versuch sie hierarchisch zu ordnen. Das tun schon viele Wissenschaftler. Das sie oft dabei scheitern, blenden sie professionell aus. Die Leidtragenden sind diejenigen, die davon betroffen sind.
Ich möchte an einem Beispiel verdeutlichen, woran viele Bemühungen, den Menschen einzuordnen, scheitern. Ein Irrtum besteht darin, dass die Diagnose eines Menschen bei dem mehrere nicht stark ausgeprägte Syndrome, sprich Behinderungsfelder, gleichzeitig auftreten, weniger schwer fällt als bei jemand, der nur an einer einzigen stark ausgeprägten Behinderung leidet. Ich sehe schon, wie einige Leser den Kopf schütteln, und sich fragen, was daran falsch sein soll. Allein die Gegenüberstellung der Gruppe, die aus viele unauffällige Behinderungen besteht, und einer auffälligen Behinderung, erzeugt in den meisten den Denkfehler, der zu dem Schluss führt, dass derjenige mit der auffälligen Behinderung stärker eingeschränkt ist.
Auch ich lasse mich von dem eindeutig Sichtbaren blenden. Wenn ich jemandem begegne, der mir weder in die Augen blickt, kein vernünftiges Wort herauszubringen vermag, und wenn er etwas zu sagen hat, sich nur auf reine Fakten stützt und dabei den Gefühlsteil völlig ausblendet, dann folgt mein Verstand einem simplen Reflex. Dieser Reflex führt zu einem Urteil über dieses Individuum. Reflexartig mache ich mir ein Bild über sein Verhalten, über seine Gefühlswelt und seine intellektuellen Fähigkeiten. Ich kann mich nicht dagegen wehren. Ich folge nur meiner menschlichen Natur.
Was mir meine menschliche Natur ebenfalls in die Wiege gelegt hat, ist die Fähigkeit, über meine Urteile zu reflektieren. Das tue ich jetzt, indem ich mir bewusst vor Augen halte, dass dieser Mensch, den ich als auffälligen Aspergerautisten abstemple, vielleicht sein Leben besser meistert als ein unscheinbarer Typ, der an vielen unauffälligen Defiziten leidet. Jeder seiner Schwächen für sich genommen fallen keinem auf. Gerade in sozialen Interaktionen treten seine Handikaps niemals gemeinsam auf. Aber gerade dann, wenn er es am allerwenigsten vermutet, wenn er sich irgendwo in einem stillen Kämmerlein befindet, oder wenn das absolute Gegenteil der Fall ist, er in aller Öffentlichkeit geradezu von Reizen überflutet wird, dann plötzlich bricht sein unauffälliges System in sich zusammen. Die meisten fragen sich dann: «Was ist bloss los mit diesem Typen? Spinnt der? Warum fällt er eine so hirnrissige Entscheidung? Warum rastet er aus?».
Die Umwelt verurteilt diese Person, die in ihren Augen als normal oder zumindest nur leicht eingeschränkt gilt. Sie zeigt kein Verständnis für seine geistigen Aussetzer. Dafür zollen die Menschen demjenigen, dessen Grundverhalten von Anfang an von der Norm abweicht, viel mehr Anerkennung. Sie schenken ihm die nötige Aufmerksamkeit, so dass er sich nicht allein und hilflos fühlt. Sie unterstützen ihn in seinem Vorhaben, seine Stärken effektiver einzusetzen.
Wenn bei jemandem ASS, im heuten Sprachgebrauch Autismusspektrumsstörung, früher Aspergerautismus genannt, diagnostiziert wird, erhält er Seitens von Ärzten und wichtigen Institutionen mehr Zuwendung als jemand, der sowohl autistische Züge, als auch Symptome einer Aufmerksamkeitshyperaktivitätsstörung aufweist.
Einfach ausgedrückt, der Aspergerautismus gilt als schwerwiegenderen Fall als der, der vom ADHS betroffen ist. Ergo wird ein so genannter Mischtyp von Aspergerautismusstörung und ADHS als weniger stark behindert eingestuft als ein 0-8-15-Aspergerautist.
Das halte ich für einen fatalen Irrtum. Ich kann jedoch den Grund für solche falschen Annahmen nachvollziehen. Zum einen ist diese Thematik hochkomplex, weil sie verschiedenste Wissenschaftsbereiche betrifft. Zum anderen habe ich tatsächlich die Erfahrung gemacht, dass der 0-8-15-Aspergerautist im Vergleich zu einem Mischtyp nach aussen hin auffälliger wirkt.
Der Begriff reziproke Behinderung eignet sich für mich hervorragend dafür mich schrittweise an diese Thematik heranzuwagen. Um die Sache nicht mehr zu verkomplizieren, versuche ich nicht krampfhaft an die von der medizinischen Fachwelt bestimmte graduelle Ordnung zu rütteln.
Ich persönlich distanziere mich von dieser Art von Bewertung. Ich kenne Fälle von Menschen, die trotz ihrer normalen Intelligenz aufgrund ihres ADHS nicht in der Lage sind, einfachste Arbeitsschritte durchzuführen, wohingegen viele Aspergerautisten, so eigenartig und weltfremd sie auf ihre Umwelt auch wirken mögen, sich bestens in einem komplizierten Arbeitsprozess einzubinden wissen, so lange ihnen gewisse Leitfäden gewährleistet werden.