Sieben weitere Jahre waren vergangen. Butch war inzwischen dreizehn Jahre alt. Butch schlenderte im Pausenhof der Schule herum. Dass er überhaupt noch in der Lage war, zu gehen, grenzte schon an ein Wunder. Doch er glaubte, endlich über die Menschen gesiegt zu haben.
Zuerst wurde er von den Mitschülern seiner Klasse gequält, bis sie es aufgaben. Es gab jedoch noch viele andere Klassen, die ihn nicht gekannt hatten. Bis auf den Gestank, den man bei ihm schon von weitem hatte wahrnehmen können, hatten viele dazumal noch nichts von ihm gewusst. Immer mehr Menschen vergriffen sich an seinen eh schon geschundenen Körper.
Sogar Kinder aus fremden Schulhäusern eilten herbei, nur um Butch leiden zu sehen. Je mehr Menschen Butch kennen gelernt hatten, desto mehr leidende Seelen hatte es in dieser Stadt gegeben.
Freddy, der in einer altmodischen Nervenklinik elend dahinsiechte, war nicht der einzige, der Butch vergewaltigt hatte. Er hatte jedoch damit nicht leben können. Die Tatsache, dass er jeden darauf folgenden Tag seine Nähe hatte spüren müssen, war unerträglich für ihn gewesen.
In der psychiatrischen Heilanstalt, wo man ihn mit Elektroschocks behandelte, war er wenigstens von Butch befreit. Aber manchmal geschah es, dass ihn die dunklen Augen von Butch nachts verfolgten. Die Männer in weissen Kittels waren dann in solchen Momenten wie eine Erlösung, wenn sie in sein kleines Zimmer hereinstürzten, um ihm eine Beruhigungsspritze zu verpassen.
Butch genoss die Ruhe. Er kannte alle hier im Schulhaus und sie kannten ihn. Er war wie eine Legende, die noch lebte. Vor drei Jahren wurde er zum letzten Mal von irgendeinem Menschen misshandelt. Gerüchte wurden über ihn verbreitet, Lügengeschichten über ihn erzählt. Doch das alles half nichts, um sich von der Schuld zu befreien, die tief in den Seelen der Peiniger lastete.
Butch hatte inzwischen einen neuen Lehrer bekommen, der ihn respektierte. Er war von auswärts und lernte Butch einfach als Jungen kennen, der einen brillanten Verstand hatte und fürchterlich stank. Dank ihm begann Butch zu lesen. Er war dreizehn, als er die menschliche Psyche wissenschaftlich zu ergründen versuchte. Er wollte die Menschen um ihn herum studieren.
In all den Jahren, wo man seinen Körper malträtiert hatte, und in den Jahren danach, hatte er genügend Daten sammeln können. Sie waren in seinem Gehirn gespeichert.
Die Zeit der Ruhe dauerte nicht ewig. An einem schönen Herbstnachmittag war er wie gewöhnlich in der Schulbibliothek. Er sah sich um und glaubte auch dieses Mal all die vertrauten Gesichter zu erkennen, die ihm so viel Übles angetan hatten.
Plötzlich erblickte er eine Person, die ihm in all den Jahren in diesem Schulhaus nicht aufgefallen war. Doch auch sie ging hier zur Schule. Sie besuchte eine Klasse über ihn. Ganz zufällig drehte sie sich um. Ihre Blicke begegneten sich wie an dem Tag, als er sie zum ersten Mal gesehen hatte, kurz nachdem er und seine Mutter in Macon eingezogen waren.
Das Mädchen von damals schien sich nicht verändert zu haben. Trotzdem war alles anders. Schamgefühle, wie er sie nie zuvor gekannt hatte, kamen in ihm hoch. Er wich ihrem Blick aus und fühlte sich wieder allein. Er sah sich um und da erkannte er wieder all die vertrauten Gesichter, die ihn aufs bitterlichste misshandelt hatten. Bei jedem wusste er seine ganz persönliche Geschichte zu erzählen. Er wurde plötzlich von panischer Angst gepackt, so dass er kaum atmen konnte.
Jemand schien ihn anzugrinsen.
(Erkannte man meine Angst? Würde man aufs Neue beginnen, mich zu quälen?).
Er versuchte seine Emotionen zu verbergen. Das gelang ihm sehr gut. Darin hatte er nämlich Übung. Er blätterte in den Seiten eines Buches herum.
„Psychoanalyse von Sigmund von Freud“.
Butch studierte gerade das Kapitel des Buches, wo Freud das ES ansprach.
Zum ersten Mal in seinem Leben wurde er sich seiner Person wirklich bewusst. Die vielen Menschen um ihn herum begannen ihn zu irritieren. Das Mädchen starrte mehrere Male zu ihm herüber. Ihre Blicke hatten nichts zu bedeuten. Es war pure kindliche Neugierde, so wie damals vor sieben Jahren. Ihm wurde es immer heisser.
(Was bewegt dieses niedliche Ding dazu, ein Scheusal wie mich, dauernd anzusehen?), schoss es ihm durch den Kopf.
Er blätterte immer noch in den Seiten des Buches herum. Bilder, wo er ausser sich gewesen war vor sexueller Begierde, tauchten unerwartet vor seinem geistigen Auge. Statt vor Scham in den Boden zu versinken, begann er sich innerlich zu lösen.
Er stand plötzlich auf und schritt zu dem Tisch rüber, wo das um ein Jahr ältere Mädchen sass. Ihr Gesicht sah für ihre vierzehn Jahre noch sehr jung aus. Es stand in einem starken Kontrast zu ihrem schon sehr weiblichen Körper. Sie hatte diese erwachsene und zugleich spitzbübische Ausstrahlung, die die meisten Jungs zurückschrecken liess.
«Hy, ich bin Butch!».
«Hy!».
Als Butch in ihre Augen blickte, spürte er ein körperliches Verlangen, wie er es nie zuvor erlebt hatte. Gäbe es keine Gesetze, hätte er sie auf der Stelle gepackt, um ihre Kleider vom Leibe zu reissen.
«Du kennst mich sicherlich nicht, aber wir sind uns schon einmal begegnet! Vor Jahren sah ich dich einmal auf der Strasse in Montgomery, als wir noch ganz klein waren!».
Ihre Augen leuchteten auf. Doch ihr Glanz erlosch sofort wieder, als der penetrante Geruch von Butch’ Füsse in ihre Nase stieg.
«Ich will gern mit dir etwas unternehmen! Versteh mich nicht falsch! Wenn es mir nu nur um das eine ginge, hätte ich ja jede ansprechen können, aber ich will dich!».
Er schluckte leer, weil er davon überzeugt war, dass er sie durch seine Worte erschreckt hatte.
Aus für ihn unerklärlichen Gründen ging sie auf seinen Vorschlag ein. Dieser kurze Moment, wo sich ihre Blicke vor Jahren einmal begegnet waren, hatte sie geprägt. Dieses kleine vernarbte Gesicht verfolgte sie bis an jenem Tage, wo er sie zum ersten Mal ansprach. Sie sah in ihm immer noch den kleinen Jungen von damals, den schon damals niemand haben wollte.
Alle die hier Anwesenden registrierten dieses seltsame Pärchen. Eine Unruhe verbreitete sich im Raum. Aggressionen kamen hoch. Butch und Sandy nahmen das nicht wahr. In der Bibliothek hielten sich die unterschiedlichsten Kinder auf. Es gab solche, die etwas für ihre Bildung taten, dann wieder gab es welche, die sich hier nur wegen einer guten Note aufhielten. Ihre Köpfe waren jedoch von demselben Gedanken erfüllt.
(Warum geht sie mit Butch hinaus?).
Ein mickriger rothaariger Junge, der voller Sommersprossen im Gesicht war, verstand die Welt nicht mehr. Er ging mit Sandy in dieselbe Klasse. Nie hätte er es auch nur im Traum gewagt, sie an zusprechen. Dazu hatte er viel zu viel Respekt vor ihr.
Er bewunderte und begehrte sie, weil sie nicht nur ausserordentlich hübsch, sondern auch hochintelligent war. Ihre zurückhaltende, kindliche und zugleich souverän kluge Art hielt ihn und viele andere Jungs seines Alters davon ab, sie anzusprechen.
(Schlampe!).
Als Butch sich umschaute, musste er nur in die Gesichter der andren blicken, um zu erkennen, was sie dachten.
«Verdammte Schlampte! Lässt niemand an sich heran und dann das!».
«Die hat sich für jemand ganz Besonderem aufgespart!».
Noch bevor es in diesem Raum eskalierte, verstummten sie. Schon am nächsten Tag schien es das ganze Städtchen zu wissen…
…Am anderen verliess Sandy das Haus nur ungern. Sie fühlte sich unwohl in ihrer Haut. Sie wusste, dass es nicht richtig war, sich mit Butch zu treffen. Sie bereute es, Butch jemals begegnet zu sein. Ihr gesunder Menschenverstand warnte sie vor diesem Treffen.
Doch ihr von humanistischem Gedankengut geprägter Geist liess sie jedoch zur Überzeugung kommen, dass nichts dabei war, sich mit einem schwarzen Jungen zu treffen, der verunstaltet war, bestialisch stank und von der Gemeinschaft ausgeschlossen war.
Doch tief in ihrem Innern wusste sie, dass sie im Begriffe war, einen Fehler zu begehen. Es gab kein Zurück mehr oder doch? Sie könnte ihn ja einfach versetzen. Was wäre schon dabei? Eine Enttäuschung mehr in seinem Leben, würde ihn bestimmt nicht umbringen! Sie musste sich mit ihm treffen. Sie hatte zugesagt. Sie konnte nicht über ihren eigenen Schatten springen.
Sie wusste jetzt schon, dass sie sich niemals in ihn verlieben könnte. Es war nicht sein Aussehen oder sein Körpergeruch, der sie abstiess. Es war seine Art!
Schon auf der Strasse wurde sie sich merkwürdiger Blicke gewahr. In der Schule war es offensichtlich, was diese Blicke zu bedeuten hatten.
(Schlampe, Drecksau, die von Butch’ auserwählte Füsseleckerin!).
Diese Kraftausdrücke hatte sie im Pausenhof aufgeschnappt.
Irgendwo schlenderte Butch herum. Sein Selbstvertrauen war gestiegen. Er war zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um seine Umwelt wahrzunehmen.
Als Sandy das Klassenzimmer betrat, starrten sie geschockte Gesichter an. Sie näherte sich ihren besten Freundinnen.
«Komm mir ja nicht zu nah! Wer weiss, was für ne Geschlechtskrankheit du dir bei ihm eingefangen hast!».
Einige lachten. Doch nicht allen war es zum Lachen zumute. Diejenigen, die nicht lachten, begannen einen abgrundtiefen Hass auf sie zu entwickeln. Die langgeschossenen Jungs, die jedes Mädchen anmachten, aber vor ihr stets Achtung gehabt hatten, begannen sie von nun an zu belästigen. Noch bevor sie sich mit Butch zu einem Kinobesuch traf, hatte sie erfahren, was Grausamkeit wirklich bedeutete.
In der Pause begrapschten sie die Jungs, die sie bisher immer als nett eingeschätzt hatte. Sandy wurde zu einem täglichen Ereignis der Schule. Ihr sozialer Abstieg war vorprogrammiert. Innert weniger Tage wurde aus einem geachteten und hoch geschätzten Mädchen eine Ausgegrenzte. Ausser der Tatsache, dass sie von allen geächtet war, lebte sie immer noch ihr altes Leben.
Sie erledigte nach wie vor ihre Hausaufgaben, putzte sich regelmässig ihre Zähne und ging jeden Abend rechtzeitig schlafen. Zuhause, wo niemand von ihrem Treffen mit ihrem neuen Freund wusste, war alles noch in bester Ordnung.
Eines Nachts konnte sie nicht einschlafen. Es war wie ein Alptraum, aus dem sie nicht mehr erwachte. Noch vor wenigen Tagen war sie nichts weiter als irgendeine Schülerin. Mehr noch, sie war beliebt.
Ihr wurde klar, dass sie schon vorher den anderen hatte auffallen müssen. Wie sonst konnte sie sich den Hass vieler Jungs vorstellen, die nie etwas mit ihr zu tun gehabt hatten. Diejenigen, welche sie hassten, aber sie täglich belästigten, wurden für sie zu einer richtigen Qual. Sie wusste mit so einer Situation nicht umzugehen.
Sie hatte es niemals nötig gehabt, Jungs abzuwimmeln. Im Vergleich zu den anderen Mädchen in ihrem Alter, die bereits Strategien entwickelt hatten, wie sie sich die lästigen Jungs vom Leibe halten konnten, war sie noch wie ein unschuldiges Kind gewesen. Sie hatte bisher noch keine sexuellen Interessen entwickelt.
Biologisch war sie schon eine Frau. Doch emotionell war sie immer noch ein unschuldiges, wissbegieriges Kind, das sich auf ihre wöchentlichen Pfadfindertreffen freute.
Während die Stunden an ihr vorbeirasten, verging diese Nacht für Butch viel zu langsam. Noch nie hatte er sich in seinem Leben so glücklich gefühlt. Zitternd fieberte er dem grossen Ereignis entgegen. Obwohl er selbst auch nicht schlafen konnte, genoss er die Zeit des Wartens.
Es war bereits vier Uhr Morgens. Noch ehe er es sich versah, würde die Sonne am Himmel aufgehen. In zehn Stunden würde er sich mit Sandy, seiner heiss Ersehnten, treffen. Ob sie sich wohl auch auf diesen Augenblick freute wie er selbst? Fragen über Fragen türmten sich in seinem Kopf auf.
Plötzlich stürzte er aus dem Bett. Er hielt es nicht mehr aus. Er war völlig verschwitzt. Seine Füsse stanken bestialisch. Er rannte hinaus. Vor ihm lag ein kleiner Teich. Er riss sich seine Kleider vom Leibe. Er sprang in das kühle Nass, das seinen vor Lust brennenden Körper nicht abzukühlen vermochte. Er konnte nicht umhin, als seine Hände gegen seinen erhärteten Penis zu drücken.
Die innere Spannung wuchs und wuchs. Seine Gedanken begannen dahin zu gleiten. Es dauerte nicht lange und sein Körper befreite sich innert Bruchteile von Sekunden von diesem übermässigen Druck, der schon seit Tagen auf ihn gelastet hatte.
Seine Gedanken wurden ruhiger. Er begann vor Kälte zu zittern. Er stieg aus dem Wasser. Er konnte wieder den Geruch seiner Füsse wahrnehmen. Er sah die Dinge wieder so, wie sie wirklich waren. Er war hässlich, stank bestialisch und es fehlte ihm jeglicher Charme.
Es war nur Mitleid, das Sandy dazu bewogen hatte, sich mit ihm zu treffen. Er schlief noch ein paar Stunden.
Als er dann am anderen Morgen aufwachte, konnte er sich vor Begierde kaum noch beherrschen. Am liebsten wäre er wieder in den See gesprungen. Doch diesen Zustand der Erregung wollte er dieses Mal aufrechterhalten, um zu verhindert, dass er wieder von düsteren Gedanken heimgesucht würde.
Um acht Uhr betrat er das Klassenzimmer. Um neun Uhr hatte er einen Test. Ihm fiel nichts Besonderes in der Schule auf. Hin und wieder schenkten ihm einige etwas mehr Aufmerksamkeit als erwartet. Doch er liess sich durch nichts aus seinem Gleichgewicht bringen.
Das Rendez-Vous war im Stadtzentrum auf dem grossen Kinoplatz. Hier versammelten sich regelmässig die jungen Leute, um neue Kontakte zu knüpfen. Er, Butch, der Ausgestossene, würde in wenigen Minuten auf dem grossen Platz stehen, wo ihn alle sehen würden.
Auch er würde dann vor den Augen aller mit einem bildhübschen Mädchen flirten. Schon von weitem konnte er den Platz erkennen. Nur einige Gestalten tummelten sich dort herum. Es war natürlich noch helllichter Tag. Man konnte nicht erwarten, dass um diese Zeit schon reges Leben herrschte.
Dort stand sie nun. Die Sonne strahlte auf ihre blonden Haare, die fast durchsichtig erschienen. Sie glich einer Elfe, die für wenige Augenblicke die höheren Sphären verlassen hatte, nur um in das irdische Dasein einzutauchen und sich mit Butch zu treffen, ihrem Auserwählten.
Sie hatte ihn noch nicht gesehen. Butch schritt mit breitbeinigem Gang auf sie zu. Seine Augen waren nur auf ihren wohlgeformten Körper gerichtet. Er sah in ihr weder die wunderschöne Nymphe, noch das unschuldige Mädchen, das jetzt lieber mit ihren Freunden im Wald herumgetollt oder Feuer gemacht hätte.
Für ihn war sie eine einfach eine weibliche Person, die sich ihm darbot. Das aufreizende Kleid, ihre offenen Haare und das entzückende Handtäschchen, all das sprach dafür, dass sie sich für Butch zurechtgemacht hatte. Ihr üppiger Busen schwappte fast aus der Bluse heraus. In diesem Moment war ihr noch nicht bewusst, dass sie die Attraktion des Platzes war.
Alle bestaunten dieses Bild von einer Frau, die mit allen weiblichen Reizen gesegnet war. Sie selbst hatte sich das Kleid aus ganz anderen Gründen angezogen. Sie hatte einfach heiss gehabt und hatte sich etwas zum anziehen ausgesucht, das ihren Körper nicht all zu sehr bedeckte.
Während der schwarze Bursche auf sie zu marschierte, war sie in Gedanken versunken. Sie stellte sich vor, sie wäre eine Piratin, die durch die Welt segelte und andere Länder eroberte.
„Ein Junge in einem Mädchenkörper!“, hatte einmal ihre Mutter zu ihr gesagt
Sie kannte ihre Tochter nur all zu gut. Es tat ihr manchmal in der Seele weh, wie unbeschwert und blind Sandy durch die Welt lief.
Sandy war keineswegs dumm, oder zerstreut. Im Gegenteil, sie war ein sehr aufgeweckter und bodenständiger Mensch. Trotzdem besass sie etwas, dass man bei Mädchen nicht gewohnt war. Ihre Interessen galten für die damaligen Zeiten nicht als angemessen. Sie lass Abendteuer-, Sciencefiction-, Phanstasie- und Sachbücher, tollte gerne im Wald herum, kletterte gerne auf Bäumen, bastelte gern an alten Maschinen herum und war noch weit davon entfernt, sich sexuell auf jemandem einzulassen.
Der Geruch kam immer näher. Die stechenden Dämpfe, die aus den Achselhöhlen von Buch stammten, rissen sie aus ihren kindlichen Träumen.
«Hy, hier bin ich!».
Sandy zuckte innerlich zusammen. Für wenige Augenblicke hatte sie den Trubel, den man in letzter Zeit um sie machte, vergessen. Schnell wurde sie wieder mit der Realität konfrontiert. Krampfhaft sah sie sich plötzlich um und wurde sich der vielen fremden Blicke gewahr. Alle schienen auf sie und dieses etwas, das breitbeinig vor ihr stand, wie gebannt zu starren.
Unerwarteter Weise beugte sich der lange Bursche zu ihr herunter, um ihr einen feuchten Kuss auf die Wange zu geben. Dabei machte er keine Anstalten. Er hielt sie souverän im Arm. Er folgte nur seinem Instinkt. Ihr Herz klopfte vor Aufregung. Sie war innerlich wie gelähmt. Jeder in der Stadt schien sie und Butch zu bemerken.
Sie fühlte sich nicht mehr wie ein unschuldiges, abendteuerlustiges Kind, sondern wie ein Sexobjekt, das die Blicke anderer Männer auf sich zog. Ihr Kleid erschien ihr auf einmal viel zu kurz. Sie kam sich nackt vor. Das störte Butch überhaupt nicht. Je unsicherer sie sich fühlte, desto selbstsicherer wurde ihr Begleiter.
Während er sie durch die Stadt führte, hielt er ihre Hüften fest umschlungen. Sie war unfähig sich von seinem linken Arm zu lösen.
Das Wort Sexualität wurde plötzlich zu einer Bedrohung für sie. Bisher hatte sie einen gesunden Abstand zu diesem Begriff. Sie war ein aufgeklärtes Mädchen, das über viele Dinge Bescheid wusste. Doch all ihr Wissen half ihr in dieser Situation nicht besonders viel.
«Was wollen wir zwei unternehmen?», fragte er sie mit einer seltsamen Stimme.
Sie stockte. Sie hatte bisher noch kein Wort herausbekommen. Der Klang seiner Stimme hatte einen sarkastischen Unterton. Er blickte in ihr Inneres. In ihrer Unschuld erkannte sie das noch nicht einmal.
Im Grunde war es Butch völlig gleichgültig, was sie von ihm hielt. Bis vor wenigen Stunden, hatte er noch so etwas wie Hoffnungen, doch bereits bei der ersten Umarmung spürte er ihren Widerwillen, den sie mit ihrer Körpersprache deutlich gezeigt hatte. Sie hatte den Ekel vor ihm nicht verbergen können. Das alles war ihm nun gleichgültig. Da sie zugestimmt hatte, gehörte sie aus seiner Sicht her ihm.
«Ich habe mich sofort wieder an dich erinnert! Dein Gesicht, deine Augen – das kleine Mädchen von damals ist jetzt eine richtige Frau geworden!».
Während er weiter sprach, ruhte seine schwere Hand immer noch auf ihrer üppigen Hüfte. Je länger sie zusammen waren, desto verkrampfter wurde sie. Plötzlich führte er sie in ein Seitengässlein. Sie reagierte falsch. Statt das zu verhindern, liess sie sich von ihm in ein Schwarzes Viertel führen. Auch hier war Butch mit niemand befreundet.
Völlig hilflos starrte sie zu ihrem ein Jahr jüngeren Begleiter, der jedoch viel grösser und kräftiger als sie war.
«Wir sind das interessanteste Pärchen hier, stimmt’s? Hey, ihr Leute, bestaunt uns!».
In diesem Moment fühlte sie sich elendig.
«Gehen wir in die Pumpi-Bar! Weisst du, Schätzchen, wer eigentlich diese Bar gegründet hat? Du weisst das nicht? Ein verdammter Schweizer! Natürlich war er schwarz. Er wurde adoptiert. Er musste sich sehr wahrscheinlich in der Schweiz, wo hauptsächlich nur Weisse leben, nicht wohl gefühlt haben. Sonst wäre er ja wohl kaum als Neunzehnjähriger hier bei uns gelandet! Hä, hä, hä!».
Alles, was er sagte, klang so unecht. Der Klang seiner Stimme verriet, dass er sich weder mit seinen „schwarzen Brüder“ identifizierte, noch an irgendetwas anderes glaubte.
Als sie die Bar betraten, vernahm sie den üblen Geruch nach stark riechendem Käse.
«Schweizerkäse! Du gewöhnst dich daran!».
Alles, was sie störte, war seine breite Hand auf ihrem Gesäss. Der starke Geruch unterstrich ihr Gefühl des Ekels.
Butch suchte sich einen Platz aus, wo man sie gut sehen konnte. Er setzte sich dich neben ihr, so dass sie seinen übel riechenden Atem wahrnahm, wenn er sprach. Er bestellte für sie und sich eine Coca Cola.
«Lasst und anstossen!».
Sandy zwang sich dazu, mit ihm das Glas zu erheben. Sie war noch ein Kind, sonst hätte sie in diesem für sie so feierlich klingenden Trinkspruch den reinsten Sarkasmus herausgehört.
Er wurde immer aufdringlicher. Schweiss drang aus seinen Poren. Am liebsten hätte er ihr in dieser Sekunde die Kleider vom Leibe gerissen. Seine Hand, die eine zeitlang auf ihrem Schenkel geruht hatte, wanderte nun aufwärts. Dabei hörte er nicht auf, zu reden und zu reden.
Sandy war wie paralysiert. Wie ein Roboter sass sie stumm da und nippte mit zittrigen Händen an der Cola. Sie hatte das Gefühl, dass sie sich und Butch wie ein unsichtbarer Geist beobachten würde. Je mehr Schlücke sie von diesem Getränk nahm, desto unruhiger wurde sie.
Die kleine Pfadfinderin, die sonst in Alltagssituationen mit den schwierigsten Situationen fertig wurde, schien diesem vor Geilheit platzenden Kind hilflos ausgeliefert zu sein. Sie, die vor zwei Jahren ihre Pfadfindergruppe aus dem Sumpfgebiet ohne fremde Hilfe erfolgreich hinausgeführt hatte, liess sich von Butch begrapschen.
Sie galt nicht nur als sehr belesen, sondern als aussergewöhnlich gewieft.
Schon hatten seine Finger ihren Slip erreicht. Geschickt glitt seine Hand unter dem in Schweiss getränkten Stoff. Das koffeinhaltige Getränk wirkte tatsächlich. Ihr Herzklopfen wurde schneller. Bis vor kurzem erschien ihr alles noch wie in einem Traum. Doch bald spürte sie wieder den Boden unter ihren Füssen.
Ihre Angst wandelte sich in Wut um. Ruckartig sprang sie auf. Stofffetzen, der einmal ein Slip gewesen war, hielt er immer noch in seiner Hand. Sein Blick, der keine erschrockene Betroffenheit zeigte, brach sie völlig aus dem Gleichgewicht. Sie griff plötzlich nach der Colaflasche, die sie ihm dann mit voller Wucht auf seinen Schädel schmetterte.
Ihren Slip hielt er immer noch in seiner Hand. Sie schlug auf ihn ein, immer weiter und immer weiter, in der Hoffnung, dass sich seine Umklammerung von diesem Stofffetzen lösen würde. Von einer Sekunde zur nächsten, fiel er vom Stuhl herunter und prallte wie ein lebloser Sack auf den Boden.
Sie hielt abrupt inne.
Als Butch nach einer kurzen Zeit der Bewusstlosigkeit wieder seine Augen öffnete, blickte er direkt in ihr Innerstes. Sie stürzte kopfüber aus der Bar. Ihren Slip hielt er immer noch in seiner Hand.
Sein Blut klebte auf ihren Händen und auf ihrem Kleid. Sie wollte fort von hier, wo sie niemand mehr sehen konnte. Sie flüchtete in den Wald. Das Sumpfgebiet schien ihre einzige Chance zu sein, von alledem zu entkommen. Dort würde es niemand wagen, sie ausfindig zu machen.
Währenddessen lag Butch immer noch auf dem Boden. Keiner schien sich um ihn zu kümmern. Doch der Schein trog. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht, dass ein schwarzer Junge von einer weissen Schülerin Spitalreif geschlagen wurde. Die schwarzen Einwohner hatten einen weiteren Grund, die weisse Gesellschaft zu hassen.
Diese Nachricht erreichte schliesslich auch die Eltern von Sandy. Nun hatten die Weissen ebenfalls einen weiteren Grund, die Schwarzen zu hassen. Man ging davon aus, dass sich Sandy nur gegen seine sexuellen Annäherungsversuche gewehrt hatte. Das bestätigte nur die Annahme der weissen Gesellschaft, dass die Schwarzen Tiere wären.
…Butch lag noch immer im Spital. Durch den Sturz auf seinen Hinterkopf hatte er einen weiteren Gehirnschaden erlitten. Dieses Mal spürte er die Folgen am eigenen Leib. Er hatte die Fähigkeit verloren Gerüche und Geschmäcker wahrzunehmen. Erschöpft, aber sichtlich erleichtert, genoss er die Stille. Zum ersten Mal in seinem Leben war seine einst so empfindliche Nase keinen unangenehmen Gerüchen ausgesetzt.
Er musste also nie mehr den üblen Gestand seines Körpers riechen.
Seine niederen Instinkte begannen langsam wieder zu erwachen. Jetzt erst konnte er sich uneingeschränkt auf seine eigenen Triebe konzentrieren. Als seine Finger ihre Schamhaare berührt hatten, war ihm zum ersten Mal wirklich bewusst geworden, was Wollust bedeutete. Er schien nun nach diesem Ereignis begieriger denn je zu sein, sich eine Frau sexuell zu nähern.
Eine Krankenschwester betrat das Zimmer. Er konnte nicht umhin, als unter ihrer Uniform zu schielen. Sie kommunizierte mit ihm in erschreckend knapper Form. Sie wollte so schnell wie möglich aus dem Zimmer sein, weg von ihm und seinem widerlichen Gestank.
Eine Woche später verliess Butch das Krankenhaus. Die Ärzte waren sich über weitere mögliche Folgen dieses Zwischenfalls im Unklaren. Doch sie konnten mit Bestimmtheit sagen, dass Butch nie wieder den Geruchs- und Geschmackssinn erlangen würde.
Seine Mutter empfing ihn sehr kühl. Sie war offensichtlich über alles im Bilde. Sie dachte über diesen Vorfall nicht gleich wie ihre schwarzen Mitbewohner. In ihren Augen war Butch die Bestie und nicht dieses Mädchen, das seit jenem schrecklichen Ereignis spurlos verschwunden war.
Für die verbitterte Mutter war ihr Sohn wie sein leiblicher Vater, den er jedoch niemals zu Gesicht bekommen hatte. Da sie jedoch gewisse Prinzipien hatte, konnte sie ihn nicht einfach aus dem Haus werfen. Sie musste ihn ertragen, bis er volljährig war. Sie würde schon dafür sorgen, dass er sie möglichst früh verliess.
In den darauf folgenden Monaten hatte sich für ihn einiges geändert. In den Augen vieler Schwarzer war er nun so etwas wie ein Märtyrer. Dafür hassten ihn die Weissen umso mehr. Wenn er sich auf dem Schulhof begab, spürte er die Blicke der anderen auf ihn ruhen.
Bisher hatte jedoch niemand, ob schwarz oder weiss, es gewagt, ihn direkt in die Augen zu blicken. Die unsichtbare Mauer, die er vor vielen Jahren um sich gebaut hatte, war nun noch dicker als vorher. Einerseits war er der Mittelpunkt der Stadt, auf der anderen Seite war er isolierter denn je.
Kein Weisser hatte es gewagt, auch nur in die Nähe des verlassenen Häuschens zu kommen, wo Butch und seine Mutter lebten. Ein Anschlag auf seine Person wäre ausgeschlossen, ganz egal wie gross der Hass auf ihn war. Jeder andere Schwarze an seiner Stelle hier in diesem Ort, wäre schon längstens ermordet worden.