Louis kann nicht schlafen. Das Gespräch mit Dr. Lempert verfolgt ihn bis spät in die Nacht hinein. Es scheint, als ob sich ein dramatisches Ereignis in seinem Leben wiederholen könnte. Seine Frau, Sarah, die Mutter von Sebastian, stirbt vor fünf Jahren. Man stuft sie wegen ihrer Veranlagung als sehr belastbar ein. Da sie über keine besonderen Fähigkeiten verfügt, erachtet es der Staat als sinnlos viel Energie in sie zu investieren. Ihr Leben scheint bereits in jungen Jahren vorherbestimmt zu sein. Sie hat dem Staat zu dienen, bis das der Tod sie von dieser Last erlöst.
Auch Louis erfüllt seine Pflicht. Aufgrund seines Persönlichkeitsprofils bedarf er jedoch mehr Aufmerksamkeit Seitens des Staates. Auch seine Leistungskurven gelten nicht als auffällig. Er entspricht eher dem Durchschnitt. Als Gärtner trägt er seinen Teil zur Erhaltung des ökologischen Gleichgewichts bei. Er wird als Privilegierter mit hoher Stressanfälligkeit eingestuft. Sein Arbeitspensum stimmt man auf seine Bedürfnisse ab. Regelmäßigkeit bestimmt seinen Alltag. Außerdem gewährt ihm der Staat viel Freizeit. Seine Frau, welche man wegen ihrer angeblich hohen Belastbarkeit überstrapaziert, nimmt sich eines Tages das Leben.
Sebastian erinnert Louis sehr an seine Frau. Es schmerzt ihn sich vorzustellen, dass sich einmal aus diesem lebensfreudigen und noch völlig unschuldigen Kind eines Tages ein frustrierter Versager entwickeln würde. Als er Sarah kennen lernt, zählt er gerade mal 19 Jahre. Sie ist drei Jahre jünger, fühlt sich jedoch von Anfang an in die Rolle der Dominanteren gedrängt. Sie muss die Initiative ergreifen, damit Louis sich ihr öffnet. Sie ist sich ihrer düsteren Zukunft nicht bewusst. Voller Zuversicht beendet sie die Schule. Schon nach ein paar Monaten kurz vor ihrem 17ten wird sie schwanger und beginnt dennoch kurz darauf zu arbeiten.
Mit dem Öffentlichen Verkehrsmittel muss sie täglich von einem Ende der Welt bis zum anderen Ende rasen, um die Luftverschmutzung zu bewerten. Anfangs freut sie sich auf diese Herausforderung. Sie muss jedoch feststellen, dass sie nur als billige Arbeitskraft ausgenutzt wird. Würden sie die offiziellen Testergebnisse als „sensibler“ oder „intelligenter“ einstufen, würde ihr eine etwas angenehmere Zukunft bevorstehen. Nach der Geburt von Sebastian bleibt ihr nicht einmal genügend Zeit, um sich zu erholen. Dafür gewährt man Louis ein Jahr, um sich zu Hause um ihren gemeinsamen Sohn zu kümmern. Damit er nicht mit seinen väterlichen Pflichten überfordert wird, schickt ihm der Staat eine Haushaltshilfe. Trotzdem leidet er in diesem Jahr. Ihm fehlt die nötige Struktur.
Unterdessen rackert sich seine Frau weiter ab und verliert immer mehr den Bezug zu ihrem Kind. Als Louis nach einem Jahr seine Tätigkeit als Gärtner wieder aufnimmt, bessert sich sein Zustand. Während seiner Abwesenheit sorgt der Staat für die Betreuung von Sebastian. Während Louis die Beziehung zu seinem Sohn aufrechterhalten kann, verliert Sarah jeglichen Lebensmut und meidet jeden Kontakt zu ihrem Ehemann und ihrem Kind. Als sie sich das Leben nimmt, fühlt sich Louis erleichtert. Ihm erscheint es besser so. Sarah ist nun endlich von ihrem schrecklichen Dasein erlöst und hat endlich Zeit.
Auch Sebastian begegnet von Anbeginn seines Daseins seine Umwelt mit viel Zuversicht, Lebensmut und Selbstüberzeugung. Er überwindet sogar seinen Verlustschmerz, als er mit sieben von seinem Zuhause getrennt wird. Es ist üblich, dass Kinder irgendwann von ihren Eltern getrennt werden, um vom Staat erzogen zu werden. Man entscheidet aufgrund rein ökonomischer Kriterien, wann ein Mitglied des Staates aus seiner vertrauten Umgebung herausgerissen und in welche Einrichtung es platziert wird. Die Anfangsphase seiner Entwicklung verläuft wie bei seiner Mutter, Sarah, sehr stabil. Schon als Kind gilt Sebastian als richtiger Charmeur, der seine körperliche Schwäche mit Geist und Witz wettmacht. Seine Ausbilder vermag er nicht von seinen Fähigkeiten zu überzeugen. Doch seine Mitschüler reissen sich um die Gunst seiner Freundschaft. Er hat immer lustige Einfälle. Manchmal bringt er die anderen zum Lachen, indem er Leute imitiert. Seine Schwäche im Rechnen und sein begrenztes Verständnis für technische Fragen bereiten sowohl seinen Ausbilder, als auch seinem Vater großes Kopfzerbrechen. Sebastian fühlt sich davon am allerwenigsten betroffen. Bei allfälligen Problemen im Zusammenhang mit der Technik wendet er sich immer an irgendwelche Freunde, die sich regelrecht darum reissen, ihm zu helfen.
Der kleine hübsche Junge mit den schwarzen Locken und den mandelförmigen, braunen Augen schafft es die Welt um ihn herum zu bezaubern. Schon früh ist klar, dass er in der Welt der Privilegierten fehl am Platz ist. Das stört ihn nicht im Geringsten. Im Gegenteil, in einer Klasse, die nur aus der benachteiligten Schicht besteht, fühlt er sich wohl. Dort blüht er so richtig auf. Dort wird man in Fächern wie soziales Verhalten, Mitgefühl, Psychologie und dergleichen unterrichtet. Es gibt so genannte Unterrichtsgruppen, die aus Kinder bestehen, wo man noch keine eindeutige Entscheidung gefällt hat, ob sie zu den Privilegierten oder Unterprivilegierten zählen. Sebastian weiss, wie es in diesen Klassen zugeht. Der Druck ist dort sehr groß. Die Fähigkeiten eines Individuums bestimmen seine beruflichen Möglichkeiten. Alle versuchen sich zu übertrumpfen. Am Schluss erhalten nur ganz wenige die Möglichkeit aufzusteigen. Louis erlebt es als eine bittere Enttäuschung, dass sein noch minderjähriger Sohn sich noch nicht einmal bemüht, seine Position zu verbessern. Es geht dabei nicht nur um Leistungen, sondern um die Erfüllung bestimmter Kriterien eines Persönlichkeitsprofils.
Sebastian beginnt zu leiden, als ihm mit dem fortschreitenden Alter immer stärker bewusst wird, dass er aufgrund seiner DNS und seinen soziobiologischen Merkmalen nur wenige berufliche Perspektiven hat. Er fühlt sich als Versager. Das wird ihm schon mehrere Male Seitens der Ausbilder und seines Vaters bestätigt. Mit 15 fasst er erneut Mut und bemüht sich freiwillig um die Teilnahme an einem einmaligen Projekt. Es geht darum, körperlich behinderte Menschen bei ihrer Ausbildung zu begleiten und ihnen die Angst vor der Zukunft zu nehmen.
Sebastian erweist sich in seiner Rolle als einfühlsamer Betreuer sehr gut. Er freundet sich mit vielen dieser behinderten Menschen an, welche ihm dankbar sind, dass er sich für sie interessiert. In den darauf folgenden Jahren sammelt er viele Erfahrungen in diversen Heimen mit gehandicapten Menschen. Kurz vor seinem zwanzigsten Geburtstag kann er sich erfolgreich bei „Information System“ bewerben. Dank seiner guten Referenzen scheint er sich bestens für die Aufgaben eines Hilfsarbeiters in einem Großkonzern zu eignen. Sie suchen jemand, der Sozialkompetenz, Geduld und viel Verständnis für die Privilegierten hat. Noch ehe er es sich versieht, taucht er in eine ihm völlig fremde Welt ein. Die Umstellung ist riesengroß. Tag für Tag begegnet er Menschen, die völlig anders ticken wie er. Es ist die Welt der Privilegierten. Die Beachtung der Bedürfnisse der privilegierten Angestellten gehört nebst der Erledigung von manuellen Tätigkeiten ebenfalls zu seinen Aufgaben.
Die privilegierten Angestellten, ob es sich nun um einfache Techniker oder um Programmierspezialisten handelt, weisen alle ähnliche Verhaltensmuster auf. Sie haben sich mit Leib und Seele dem Geist des Unternehmens verschrieben. Der Geist des Unternehmens steht für Ordnung und für die bedingungslose Einhaltung eines geregelten Arbeitsablaufes. Sogar die Versorgung folgt penibel genauen Vorschriften und muss an jedes Individuum angepasst werden. Es gibt oft Situationen, wo sich Sebastian überfordert fühlt, weil die Missachtung irgendeiner Regel fatale Folgen haben kann. Er ist dann der Prügelknabe und wird von allen Seiten beschimpft. Wie er sich fühlt, interessiert niemanden, außer natürlich seinen Leidensgenossen, die wie er dafür zuständig sind, dass hier alles nach einem genauen Muster abläuft. Er hat fast keine Zeit, mit seinen inzwischen lieb gewonnenen gleich gesinnten Arbeitskollegen Gedanken und Gefühle auszutauschen. Stattdessen schwitzt er in seiner engen Uniform und fühlt sich wie in einem Gefängnis, eingekreist von Menschenscheuen Privilegierten. Unter all den vielen Schikanen, die er über sich ergehen zu lassen hat, bleibt ihm ein Erlebnis besonders stark im Gedächtnis haften.
Es ist an einem überaus heißen Tag. Sebastian ist von einer kleinen Pause zurückgekommen und muss sich beeilen. Er zählt mittlerweile 21 und arbeitet bereits über ein Jahr in diesem Unternehmen. Nur widerwillig betritt er den sterilen und traurigen Ort. Nachdem er all die Sicherheitsschranken passiert hat, eilt er zielstrebig zur Toilette. Er weiss, dass einige der Privilegierten bereits ungeduldig auf ihn warten, damit sie ihn mit ihren Ängsten, Aggressionen und Anliegen überfallen können.
Wehe, er verhält sich nachlässig. Oft muss er Demütigungen über sich ergehen lassen, weil er für Person X ein falsches Menü bestellt hat. Er muss es hinnehmen, weil es ihm sonst seinen Job kostet. Das Beurteilungszeugnis zu seinem Persönlichkeitsprofil sagt klar aus, dass er belastbar ist und sich um das Wohl der weniger Belastbaren zu kümmern hat. Er hat nicht das Glück als sensibel, stressanfällig und neuroatypisch eingestuft zu werden. Während er seine Blase entleert, denkt er an Vera, die ihn schon erwartet. Sie macht ihm das Leben besonders schwer. Ständig gibt es etwas an den Ausführungen seiner Aufgaben auszusetzen. Völlig verschwitzt macht er sich nun auf den Weg direkt zu ihr. Er hielt vor der Tür an.
In diesem Moment fällt ihm das Mädchen ein, das er vor ca. einer Stunde kennen gelernt hat. Nur schweren Herzens hat er sich von ihr verabschiedet. Doch er hofft, dass sie sich wieder sehen. Sie ist wie er als Hilfsarbeiterin in einem anderen Konzern angestellt. Er hat ihr seine Emailadresse gegeben, damit sie ihn kontaktiert.
Mit zittrigen Händen öffnet er die Tür. Für einen winzigen Augenblick erhascht er einen flüchtigen Blick auf Veras athletischen, aber sehr weiblichen Rücken. Sie dreht sich unvermittelt nach ihm um. Ihre kalten blauen Augen scheinen durch ihn hindurch zu blicken. Seine Augen wandern von ihrem hübschen, aber ausdruckslosen Gesicht nach unten zu ihren muskulösen und wohlgeformten Beinen, die er als unbeschreiblich lang und erotisch empfindet. Der kurze, elegante Rock, der sich von der üblichen Kluft all der Angestellten hier deutlich unterscheidet, lässt ihre weiblichen Kurven deutlich zur Geltung kommen. Er vermag nicht einzuschätzen, ob sie seinen etwas gestressten Zustand bemerkt oder nicht. Er kennt sie zu diesem Zeitpunkt nicht genügend gut. Später wird er dann erfahren, dass sie für menschliche Regungen überhaupt nicht empfänglich ist. Vera neigt dazu, sich zu sehr auf sich selbst zu fixieren, um sich auch noch um ihre Mitmenschen zu kümmern. Er fürchtet sich vor ihr, weil er das Gefühl hat, vor dem Teufel persönlich zu stehen.
Mit ihrer kalten und hellen Stimme beginnt sie auf ihn einzureden, als ob sie seine Mutter sei. Dabei ist sie nur drei Jahre älter als er. Sie erinnert ihn mit ihren blonden Haaren, den vollen roten Lippen und der weißen Haut an eine herrschsüchtige und zornige Göttin.
„Es widerstrebt mich Dich erneut an deine Pflichten erinnern zu müssen, deren Befolgung keine großen Fähigkeiten verlangt. Du solltest auf meine speziellen Wünsche sensibilisiert sein, wie zum Beispiel die Einhaltung der Wochentage bei der Bestellung meiner Mahlzeiten!"
Er will sich bei ihr entschuldigen, doch sie fährt unbeirrt fort, um ihm die ganze Litanei der Vorschriften mündlich mitzuteilen. Er hört nicht auf zu schwitzen. Während er sogar den Schweiß zwischen seinen Beinen spürt, fragt er sich, ob etwas mit der Klimaanlage nicht in Ordnung ist. Doch auf Veras Stirn sieht er keine einzige Schweißperle.
„Was hast du zu deiner Verteidigung zu sagen, dass du deiner Pflicht wieder nicht nachgekommen warst?“.
Er hält es nicht für angebracht, darauf eine Antwort zu geben, weil er ihre Frage für rein rhetorisch hält. Doch er täuscht sich. Bald wird er wissen, dass diese Frau alles so meint, wie sie es sagt.
„Während du nach einer Antwort suchst, verlieren wir kostbare Zeit! Doch ohne das geklärt zu haben, kann ich nicht mit meiner Arbeit fortfahren!"
Sie wartet tatsächlich auf eine Antwort.
„Ich gebe zu, dass ich schlampig war, und die Wochentage nicht so genau nahm. Ich ging davon aus, dass es für dich keine Rolle spiele, ob du Fisch am Montag oder am Dienstag isst."
Veras Augen weiten sich aus vor Entsetzen. Sie schlägt das rechte Bein über das linke. Dieser Anblick erregt und erinnert ihn zugleich an die schmerzvolle Tatsache, dass sie für ihn unerreichbar ist und immer nur in seiner ständigen Phantasie als Objekt der Begierde in seinem Kopf herumgeistern wird.
„Nenne mir bitte den Grund, warum du auf diese völlig absurde Schlussfolgerung kommst!"
Er sucht nach einer Erklärung, was zu weiteren Fragen führt. Plötzlich hält sie mit ihren Ausführungen abrupt inne.
„Ich wünsche mir, dass du dir jetzt die Zeit nimmst, all die Reglements und Fakten im Zusammenhang zu meiner Person einzustudieren! Ich werde dich morgens testen. Du hast also morgens Punkt 8 Uhr bei mir zu erscheinen! Keine Minute früher oder später!"
Sebastian will noch etwas zu seiner Verteidigung sagen, doch sie befiehlt ihm, das Zimmer zu verlassen.
Mittlerweile weiß er, dass ihre ständigen Fragen ihrem Zwang entsprechen mögliche Fehlerquellen zu entdecken, um sie vorzeitig zu verhindern. Der darauf folgende Tag übersteigt all seine Vorstellungen, welche er sich zu diesem Test gemacht hat. Die Fragen verlaufen nach einem peinlich genau abgestimmten Muster und sind sogar statistisch vertretbar. Der Test dauert 12.5 Minuten und ergibt ein schreckliches Ergebnis. Er erhält einen schriftlichen Bericht von seinen Leistungen. Es ist, als ob sie seine Person auseinander nähme, um den noch so kleinsten Schmutzpartikel auf irgendeinem Baustein zu entdecken. Natürlich setzt sie auch alle anderen Vorgesetzten davon in Kenntnis. Von der Frau, der er seine Emailadresse gegeben hat, hört er zu seinem Bedauern auch nichts.
In den darauf folgenden Monaten und Jahren muss er regelmäßig bei ihr erscheinen, um sich von ihr beurteilen zu lassen. Ihr starker Zwang ihn zu perfektionieren führt dazu, dass er eines Tages nervlich zusammenbricht. Er ist 25 und läuft den langen Korridor entlang, weil er wieder von Vera verlangt wird. Die ständigen Bestrafungen in Form von Freizeitkürzungen, zusätzlichen Aufgaben etc., haben ihn mürbe gemacht. Plötzlich verliert er das Gleichgewicht unter seinen Füssen. Dann sieht er nur noch schwarz. Als er seine Augen wieder öffnet, blickt er in das Gesicht von Franko. Er hat ihn vermisst. Denn in letzter Zeit kommunizieren sie nur noch über Email. Er hat nur noch Kontakt mit Vera und ihresgleichen gehabt. Er hat das Gefühl, einen Hass gegen all die Privilegierten zu entwickeln. Franko schafft es, ihn wieder zu motivieren und ihn innerlich aufzurichten. Ein paar aufmunternde Worte genügen, und er scheint wieder völlig der Alte zu sein. Weitere Jahre folgen, wo er geduldig alles hinnimmt ohne dabei einen Hass gegen Vera und ihresgleichen zu entwickeln…
Sebastian steht nun wieder voller Bangen vor Veras Tür. Obwohl er sie schon fast zehn Jahre kennt, ist sie ihm noch genauso fremd wie in seiner ersten Begegnung mit ihr. So geht es ihm aber auch mit den anderen, die ähnlich ticken wie sie. Umso vertrauter erscheinen ihm Franko und viele andere, die ähnlich denken und fühlen wie er.
Er öffnet die Türe und tritt ein. Er fühlt sich wie damals vor seinem Nervenzusammenbruch. Er kann nicht garantieren, dass er eine erneute Begegnung mit Vera verkraften wird. Er erwartet wie gewöhnlich eine wunderschöne, kalte und abweisende Frau vorzufinden, die ihn mit ihren blauen Augen zu durchbohren droht. Doch was er sieht, schockt ihn und berührt ihn zugleich zutiefst. Statt einer eiskalten Frau findet er ein Häuflein Elend, ein nervliches Wrack, vor, das wie wild auf ihren Bildschirm herumhämmert. Ihr sonst so ausdrucksloses Gesicht, ist gezeichnet von Wut, Angst und Erschöpfung. Sie starrt ihn hilflos an. Für einen Augenblick denkt er, Gott würde zu ihm sprechen. Ein Blick in ihre großen, wässerigen Augen genügt, um Veras Inneres zu erfassen.
„Ich habe Daten verloren, ein Modul muss defekt sein, ich kann diese verdammten Daten nicht finden…du Scheißmaschine…!"
Sebastian ist innerlich erstarrt. Geschockt blickt er diese sonst so wunderschöne Frau an, deren Gesichtszüge jetzt völlig entstellt wirken. Bei ihrer verzweifelten Suche nach Daten wird sie immer hysterischer und beginnt sich sogar selbst zu schlagen. Statt sich über die Ungerechtigkeit zu wundern, warum ein verbaler Ausrutscher Seitens Sebastian schon genügen könnte, um gekündet zu werden, während Vera und ihresgleichen sich des öfter erlauben dürfen, die Beherrschung zu verlieren, nähert er sich ihr. Ratlos starrt er in den Bildschirm. Auf einmal scheint sich Vera zu beruhigen. Hilfe suchend blickt sie ihn an, so als ob sie hoffte, dass er, der technische Trottel, ihr bei ihrem Problem behilflich sein könnte. Er wagt es nicht sie anzufassen. Sie bricht in sich zusammen und verfällt in einen Weinkrampf. Der Speichel fließt aus ihrem Mund, auf ihrem Pult.
„I-ich w-erde mich darum kümmern!“, sind seine letzten Worte, bevor er den Raum verlässt.
Statt Franko um Rat zu fragen, nimmt er sich dieser Sache selbst an. Er verständigt den medizinischen Notfall über Veras Zustand und bittet gleichzeitig einen Informatikspezialisten, sich um Veras technisches Problem zu kümmern. Schon nach ein paar Stunden kann Vera ihre Arbeit wieder aufnehmen. Ihr technisches Problem ist gelöst und ihr Zustand hat sich wieder stabilisiert. Doch Sebastian lässt dieses Erlebnis nicht los. Immer und immer wieder muss er sich diese eindrücklichen Bilder in Erinnerung rufen. Seither ist nichts mehr so wie früher. Dieses einmalige Erlebnis stellt seine ganze Einstellung zu sich und seinem Leben auf den Kopf. Jeden Morgens beginnt er damit, dass er sich das Bild von einer verzweifelten Vera in Erinnerung ruft. Und so lässt er das Gefühl von Mitleid für sie und ihresgleichen den ganzen restlichen Tag mitschwingen. Er kommt zu dem Schluss, dass all die anderen, die wie Vera ticken, genauso zerbrechlich sein müssen. Allmählich kristallisiert sich bei ihm heraus, dass etwas Wahres an dem sein muss, was im Allgemeinen über diese privilegierten Menschen gesagt wird. Er, Franko und die anderen Benachteiligten hielten das bislang immer für Übertrieben. Für Sebastian gehört es zur Selbstverständlichkeit, dass Vera nur zu bestimmten Zeiten, nur bestimmte Dinge isst oder bestimmte Tätigkeiten verrichtet. Auch die anderen Privilegierten lernt er neu kennen. Er begegnet ihnen auf eine völlig neue Ebene. Da ist Leif, ein drahtiger Sicherheitsarchitekt mit Bürstenschnitt. Er kann schuften wie ein Tier. Doch wenn man ihn mit Formalitäten belästigt, wird er ganz hysterisch. Bisher hielt ihn Sebastian nur für egoistisch und unbeherrscht. Seit jenem Erlebnis mit Vera erscheint ihm Leif wie ein offenes Buch. Jedes seiner Gesten, seiner Phrasen und seiner Entscheidungen vermag Sebastian mit Leichtigkeit zu durchleuchten. In den kommenden Wochen wird Sebastian in seiner Überzeugung bestärkt, dass er einen Schatz entdeckt hat.
„Guten Tag, Sebastian! Du scheinst guter Dinge zu sein!“
Sebastian zuckt zusammen. Franko steht direkt vor ihm. Die beiden haben sich heute noch nicht gesehen. Er blickt in die Augen des großen Mannes, der immer noch feindlich gegen die privilegierte Schicht eingestellt ist. Franko ist seine innere Wandlung nicht entgangen.
Einige der anderen Benachteiligten beginnen ihn für verrückt zu halten. Als Sebastian die Privilegierten auch noch in Schutz nimmt, wenden sich fast alle von ihm ab. Nur Franko hält zu ihm, lässt jedoch keine Gelegenheit aus ihn immer wieder daran zu erinnern, dass er den Bezug zur Realität verloren hat.
„Mein lieber Freund, es zeugt von großem Edelmut, Mitgefühl für seine Mitmenschen zu zeigen und das in einer Situation, wo jeder andere diese beneiden würde! Doch seine eigenen Gefühle zu leugnen zeugt von Falschheit und Feigheit!"
Sebastian lächelt seinen Freund Franko nur an. Er begreift, was sich hinter dessen Argumentation verbirgt. Es ist das Bedürfnis, seinen jüngeren Freund davor zu bewahren, vom Leben enttäuscht zu werden.
„Es ist falsch, sich und den anderen etwas vorzumachen und feige, die Konflikte zu meiden. Bei meinen ständigen Aufmunterungsversuchen wollte ich keineswegs erreichen, dass du die gesellschaftliche Situation ins Positive kehrst. Du sollst eines nie aus den Augen verlieren. Die Welt um dich herum ist ungerecht, und wir sind die Leid tragenden. Das ist die Realität – punkt!"
Sebastian spürt seine schwere Hand auf seinen Schultern.
„Du warst nicht dabei, als es passierte! Ich schon! Vertraue mir, ich mache mir nichts vor und ich habe vor nichts Angst!“, spricht Sebastian wie zu sich selbst und blickt dabei in die Ferne.
Anschließend schaut er seinem Vorgesetzten tief in die Augen und lässt ihn einfach stehen. Franko ist beeindruckt. Er bleibt noch eine Weile so stehen, bis er ein Signal von einem aufgeregten Privilegierten erhält. Mit stoischer Gelassenheit nimmt er eine weitere Reklamation entgegen und muss erneut Beschimpfungen über sich ergehen lasse. Er ist davon überzeugt, dass Sebastian auf dem Holzweg ist.
Sebastian beginnt in seiner Freizeit sich näher mit der privilegierten Schicht zu befassen. Seine Recherchen ergeben, dass die damalige Gesellschaft des 21. Jahrhunderts noch nicht die soziale Klassifizierung privilegiert und nicht privilegiert eingeführt hat. Sebastian kämpft sich durch unzählige von Schriften, um zum Schluss zu kommen, dass die damals vorherrschende Norm sich an einem neurotypischen Verhalten orientiert. Naiverweise fragt er sich, ob der Ausdruck „Privilegierte“ für einen bestimmten Typ von Mensch damals überhaupt verwendet wird. Er bezweifelt es. In seinen weiteren Studien über die Gattung Mensch erfährt er immer mehr Feinheiten über seine Verhaltens- und Denkmechanismen. Worin unterscheiden sich die Privilegierten und die Benachteiligten wirklich voneinander. Wie hält man im 21. Jahrhundert diese beiden Gruppen auseinander. Er beginnt als totaler Laie auf dem Gebiet der Neurobiologie, Psychologie und Sozialwissenschaften sich mit dem Phänomen gesellschaftliche Strömungen auseinander zu setzen. Er weiß nichts von Savant, Inselbegabungen, Autismusspektrum, Neurotypisch und anderen abstrakten Definitionen. Er lässt sich einfach nur von dem Drang leiten, seinen neu entdeckten Schatz zu erforschen. Anfangs stöbert er wahllos in den verschiedensten Datenquellen herum. Eine Autobiographie aus dem 21. Jahrhundert soll seinem ungeheuren Forscherdrang eine neue Richtung geben. Es handelt sich dabei um einen Mann, Namens Linden.
Sebastian stolpert über das Wort Aspergersyndrom, das er nachschlagen muss. Er will mehr über diesen Mann erfahren, der sich im 21 Jahrhundert mit 41 Jahren zu seinem Anderssein bekennt. Je mehr Daten er über ihn sammelt, desto merkwürdiger erscheint ihm die Wandlung der Gesellschaft in den letzten hunderten von Jahren. Dieser Mann, Linden, würde sich heute zu einem Durchschnittsbürger der privilegierten Klasse zählen. Sein Verhalten würde er nicht ständig hinterfragen. Als Privilegierter fiele er mit seiner speziellen Gangart nicht auf. Kaum zu glauben, dass regelmäßiger Sex nicht in seinem Tagesablauf integriert ist.
Sebastian blinzelt. Er hat seit Tagen kaum geschlafen. So sehr fesselt ihn diese Geschichte. Den darauf folgenden Beschreibungen zu Folge erlebte Linden sich als Sonderfall einer neurotypisch orientierten Gesellschaft. Sebastian fasziniert es immer tiefer in eine vergangene Welt hinein zu tauchen, wo alles aus der Sicht von neurotypischen Gesichtspunkten bewertet wurde. Sebastian liest weiter.
Sebastian beginnt zu begreifen, dass Linden der Beweis dafür liefert, was es bedeutet, nicht den Ansprüchen einer Gesellschaft gerecht zu werden. Er schließt seine Augen und versucht sich Vera als Bürgerin einer Gesellschaft in der Schwelle des 20igsten und 21igsten Jahrhundert vorzustellen. Jener Wutanfall hätte ihr damals vermutlich den Job gekostet.
Zwischen dem zwanzigsten und dreißigsten Lebensalter wagt man es noch nicht, sein Korsett der Erziehung und Umweltprägungen abzuziehen. Äußerlich mag es den Anschein haben, dass man frei ist und sich den alten Konventionen zu widersetzen versucht. Doch im Geist eines zwanzig Jährigen sitzt die Furcht davor in sich zusammen zu brechen. Linden ergeht es nicht anders. Als junger Erwachsener versucht er die Welt zu erobern. Doch er scheitert dabei kläglich. Dafür sammelt er viele Erfahrungen auf dem Gebiet der zwischenmenschlichen Ebene. Sein innigster Wunsch sexuell aktiv zu werden, geht in Erfüllung.
Drei Studiengänge fängt er an. Doch keines führt zum Erfolg. Angst, unerfüllte Sehnsüchte und eine spezielle Verdrahtung in der Welt seines Neuronenkomplexes führen ihn auf Abwegen, in verschlungene Pfade, wo er aufgrund Demütigungen seelischen Schmerz hinnehmen muss. Zur seiner Zeit fehlen angemessene Messverfahren, um Persönlichkeit und Beruf besser miteinander verbinden zu können. Der grosse Fall vom Akademiker zum Hilfsarbeiter, wie es Linden am eigenen Leib erfährt, ist nur ein unbedeutendes Ereignis. Doch allgemein betrachtet scheint es für Sebastian von grosser Bedeutung zu sein. Denn einen solchen Schicksaal teilen viele seiner Art. Obwohl Linden und seinesgleichen als Aussenseiter gelten, prägen sie das Gesicht jener Gesellschaft. Diese Individuen bilden die Ausgangslage für die darauf folgende gesellschaftliche Entwicklung. Sebastian stellt die beiden Aspergerautisten gegenüber. Im Gegensatz zu Linden, der sich als Teil seiner Welt betrachtet, distanziert sich Vera bewusst von ihrer Umwelt. Auf diese Weise vermag sie ihren Einfluss geltend zu machen.