Juraj Jascur

Leseprobe Nr.1

Der weisse Sklave

Die inspirierende Kraft

Der Junge schleicht sich aus dem Haus, obwohl es bereits Mitternacht. Es ist Vollmond. Ein seltsames Geräusch hat ihn aufgeweckt. Er will sehen, woher dieses unheimliche Jammern kommt. Es gleicht einem leidvollen Geseufze eines Dämons, von dem ihm Barry einmal erzählt hat. Der Dämon stamme ursprünglich aus Afrika und erzürne sich, weil ihm die weissen Menschen die Afrikaner stehlen und versklaven.
In seiner Phantasie stellt er sich ihn als grauenvolle Kreatur mit einem gigantischen Schädel, riesigen gelben Augen, langen weissen schütteren Haaren, einem Mund mit fleischigen Lippen, einer menschlichen Nase und einem muskulösen beharrten Körper vor. Obwohl er sich fürchtet, kann er nicht anders, als sein Bett zu verlassen, um seine Neugierde zu befriedigen. Die bedrohliche Stimme seines Vaters in seinem Kopf mahnt ihn, ihm nicht seinen Gehorsam zu verweigern und im Bett zu bleiben.
Ohlsen hat bereits die Villa, sein Elternhaus, verlassen, während alle anderen noch schlafen. Mühelos erkennt er dank seines sensiblen Gehörs und ausgeprägten Orientierungssinnes die Richtung, woher dieses unheimliche Geräusch kommt. Es klingt wie ein klägliches Jammern. Er eilt in Richtung der Plantagen, die in wenigen Stunden wieder von unzähligen schwarzen Menschen besetzt sein werden. Der Junge kennt sie alle vom sehen. Er mag sie, weil sie seine Angst vor Carlson Read, seinem Vater, teilen. Der Jammerlaut wird stärker. Das Zirpen der Grillen unterstreicht sein Angstgefühl. Er kann es hören. Er hält den Atem an, als er die an einem Holzpfahl angebundene Gestalt erblickt, deren dunkle Haut im Mondlicht bläulich schimmert.
Vorsichtig nähert sich Ohlsen der Gestalt, die Herzzerreissend vor sich hin wimmert. Er fürchtet sich noch immer. Sein Gewimmer wird lauter. Der Junge hält sich die Ohren zu. Doch er kann nicht mehr anhalten. Etwas treibt ihn immer weiter an, bis er geschockt vor einem Mann dasteht, der an einem Pfahl festgebunden und dessen Beine in einem hohlen Baumstumpf feststecken. Der Junge erstarrt innerlich. Obwohl er sich seine Ohren zuhält, dringt das grauenvolle Gestöhne des Leidenden in sein Bewusstsein. Der Mann, der sich keinen Zentimeter zu rühren vermag, weint nicht nur vor Schmerzen, die auf die Tagelange Regungslosigkeit zurückzuführen sind, sondern auch wegen seines unerträglichen Durstes. Er bemerkt plötzlich den Jungen. Seine Miene erhellt sich für Augenblicke. Er sieht wieder einen Menschen, der mit seinen Augen zu kommunizieren versucht. Er bringt keinen Ton heraus. Tief drinnen in Ohlsen regt sich ein starkes Gefühl, das er nicht in Worte zu fassen vermag. Es ist jedoch übermächtig. Er erkennt einen Verbündeten in dieser leidenden Gestalt.
«Ich hole Wasser!», hört sich der Junge selbst sprechen.
Der Satz ist bedeutender, als sich der Vierjährige in diesem Augenblick vorzustellen vermag. Er leitet eine Phase in seinem Leben ein, die zehn Jahre lang andauern wird. Mit seinem Satz, «Ich hole Wasser!», meint er eigentlich, dass er sich mit seinen Leidensgenossen gegen seinen Vater verbündet. Seine Hilfsaktion, nämlich das Wasser holen, verleiht ihm ein Urgefühl von Macht und Vertrauen, das seine Angst vor seinem Vater mindert. Er schleicht sich heimlich ins Haus, holt einen Krug und füllt ihn mit Wasser. In knapp zehn Minuten steht er wieder vor dem Schwarzen und löscht seinen Durst. Gierig schlürft der Mann das klare Wasser in sich hinein. Während der Junge den Krug gegen die Lippen des Halbverdursteten hält, blickt er zufällig nach unten.
Eine Suppe von Gewürm, Ungeziefer und Kot haben sich im hohlen Baumstumpf angesammelt, wo der Mann seit Tagen festgehalten wird. Carlson hat das angeordnet, weil er wieder einmal zu flüchten versucht hat. Seine Beine sind ebenfalls mit Kot beschmiert. Erst jetzt nimmt der Junge den ekligen Geruch wahr. Doch er verharrt in derselben Position, um dem Mann das Leben zu retten. «Trink! Trink! Trink!», hallt es in Ohlsens Gehirn. Als der Mann leer getrunken hat, hört er plötzlich ein Geräusch. Es sind Schritte. Er hält vor Schreck den Atem an und kehrt sich unvermittelt um.
Ohlsen erstarrt innerlich, als er in die Gestalt von Carlson Read, seinem Vater, blickt. Breitbeinig steht er da. Er hält seine Peitsche in der Hand. Demonstrativ lässt er sie gegen seine Handinnenfläche klatschen. Der Junge wendet seinen Blick zum Schwarzen, dem es noch schlimmer ergeht als ihm. Als ihm das bewusst wird, fühlt er sich sicher und geborgen. Es folgen zwei kurze Peitschenhiebe auf das Gesicht des Jungen. Er sackt zu Boden, gibt jedoch kein Laut von sich. Carlson nähert sich ihm wie eine vor Wut rasende Bestie. Für Augenblicke denkt Ohlsen, dass es sich um den Dämon aus Afrika handle. Er wird von seinem Vater hochgehoben und so lange geschüttelt, bis er das Bewusstsein verliert…
Ohlsen wird durch das grelle Licht der Sonne geweckt. Er versucht seinen Augen zu öffnen, doch sein Schädel schmerzt zu sehr. Plötzlich geht die Tür seines Zimmers auf. Er vernimmt das raschelnde Geräusch von Mutters Kleid. Erleichtert seufzt er und vergisst für einen Moment lang seinen dumpfen unerträglichen Schmerz. Als er die kühlen Hände seiner Mutter auf seinem verschwitzten Gesicht spürt, ist er unendlich glücklich. Sie streichelt ihn und redet liebevoll auf ihn ein. Mit einem nassen Lappen kühlt sie sein Gesicht. Er braucht mehrere Minuten, bis er sich an die letzte Nacht erinnert. Mit der Erinnerung kehrt aber auch wieder der dumpfe Schmerz zurück, der pochend in seinem Schädel rumort. Er sieht das Bild des leidenden wimmernden Mannes vor seinem geistigen Auge. Er kann nicht anders, als ebenfalls loszuheulen.
«Schschsch! Es wird alles gut mein Junge! Du wirst bald wieder draussen herumtollen können und alles wird wieder wie früher! Oh, wie ich dich liebe! Du bist mein ein und alles!».
Der Junge erholt sich nur sehr langsam. Man lässt sogar einen Arzt kommen, weil sein Zustand kritisch ist.
«Ohlsen hatte eine schwere Gehirnerschütterung!», lautet die Diagnose des Arztes.
Er kann nicht viel machen, als abzuwarten. Täglich besucht er seinen Patienten, um auf ihn einzureden. Mutmachen ist die einzige Medizin, die er dem Jungen anbieten kann. Nach drei Wochen kann der Junge endlich wieder aufstehen. Er ist aber noch immer klapprig auf den Beinen. Trotzdem zögert er nicht, sich nach draussen zu begeben, um seinen Freund zu besuchen.
Er überwindet seine Angst vor seinem Vater und marschiert zu der Stelle, wo der Pfahl mit dem Mann gestanden hat. Doch er findet nur den Pfahl vor. Die folgenden vier Stunden verbringt er damit, diesen Mann zu suchen. Er findet ihn weder auf der Plantage, noch in der Zuckerfabrik oder sonst irgendwo.
«Weisst du, wo Jack ist?».
Der Junge, der normalerweise eher als Menschenscheu gilt, überwindet sich, und befragt die Leute. Nur Barry kann ihm Auskunft geben.
«Jack ist tot! Er ist verdurstet!»…
Ohlsens Leben hat sich von Grund auf geändert. Seit er von Jacks Tot weiss und innerlich den Kampf gegen seinen Vater angesagt hat, verbringt er Tag und Nacht bei seinen schwarzen Leidensgenossen. Die Androhungen seines Vaters mögen noch so schlimm sein, nichts vermag ihn aufzuhalten. Er ist der einzige, der sich gegen Carlsons Anordnungen widersetzt.
Carlson setzt seine Androhungen bald in die Realität um. Da hilft weder das Flehen seiner Ehefrau, Berta, noch das Flehen seiner Tochter, Wilma. Er schlägt den Jungen. Er schickt ihn aufs Feld, wo er Tage, Wochen, ja manchmal sogar Monate auf dem Feld oder in der Zuckerfabrik arbeiten muss. Die Aufseher führen Carlsons Befehl zu seiner Zufriedenheit aus.
«Wagt es nicht, Ohlsen anders zu behandeln, als die anderen dreckigen Sklaven. Schlagt ihn wenn es sein muss! Wenn ich erfahre, dass man ihn schont, werde ich dafür sorgen, dass der betreffende seine Stellung verliert und wieder aufs Feld gehen darf!», sind Carlsons Worte vor seinen versammelten Aufseher, die ihm aus purer Furcht gehorchen.
Carlson merkt irgendwann einmal, dass Ohlsen auf diese Weise nicht unterzukriegen ist. Jede noch so mühselige Arbeit vermag das Kind nicht gefügig zu machen. Sogar als er ihn am Pfahl bindet scheint ihn das nicht zu beeindrucken. Doch Ohlsen leidet, auch wenn man ihm das nicht ansieht. Die Arbeit auf den Baumwoll- oder Zuckerrohrfeldern oder in der Fabrik macht ihm nichts aus. Im Gegenteil, dadurch ist er seinen Freunden noch näher. Ihr Leid zu teilen, verleiht ihm ein Gefühl von Geborgenheit. Er liebt ihre Gegenwart. Er liebt ihre Stimmen, ihren Gesang, ihren Geruch und ihre wilden Beschimpfungen, die sie sich nur erlauben, wenn sie sich unbeobachtet fühlen.
Ohlsen leidet unter nicht enden wollenden Drohungen, Beschimpfungen, Demütigungen und Bestrafungen seines Vaters. Er kann nicht mit Bestimmtheit sagen, was er als schlimmer empfindet, an den Pfahl gebunden zu werden, wo er dann mehrere Tage regungslos in seiner eigenen Scheisse und Pisse verharrt, ausgepeitscht oder wie ein dreckiger Köter angeschrieen wird. Wenn er mit den Sklaven arbeitet, fühlt er sich frei von Angst, Scham und Wut. Doch auch auf dem Feld oder in der Fabrik gibt es Spione, die jeden seiner Schritte beobachten, um bei Carlson Read, ihrem «Big Boss», oder wie sie ihn zu nennen pflegen, «Master», Meldung zu machen.
Für Ohlsen gibt es kein Entkommen. Sein Vater, Carlson Read, findet ihn überall. Das hält ihn jedoch nicht davon ab seinen eigenen sturen Weg zu gehen. Er würde sich lieber häuten lassen, als seinem Vater ein bisschen entgegenzukommen. Ohne die Inspiration von Toussaint Louverture hätte er vielleicht schon vor Jahren aufgegeben. Inzwischen ist er dreizehneinhalb und kann von sich aus immerhin behaupten, dass er ein paar Bücher gelesen hat. Das hat er seiner Schwester, Wilma zu verdanken, die ihm als acht Jährigen das Lesen beigebracht hat. Doch er ist ein mühsamer Schüler. Anfangs wehrt er sich mit aller Kraft dagegen ein Buch in die Hand zu nehmen, bis seine Schwester von Toussaint Louverture zu sprechen beginnt.
«Erzähl mir von ihm! Bitte, bitte, bitte!», fleht er Wilma an.
Doch sie schüttelt nur mit ihrem Kopf.
«Nein! Wenn du über die Befreiung der Sklaven in Haiti erfahren möchtest, lies es selbst, du Hohlkopf!».
Ohlsen schreit und verflucht sie. Doch sie bleibt hart, bis er sich endlich dazu aufrafft, sein erstes Buch in die Hand zu nehmen. Es fällt ihm anfangs schwer, die Flut der vielen Worte zu verarbeiten. Doch je mehr er über diesen Mann, dank dessen Haiti am 1 Januar 1804 neun Monate nach seinem Tod die Unabhängigkeit erlangt und die Schwarzen aus ihrer Knechtschaft befreit werden, desto einfacher fällt ihm das Lesen.
Toussaint Louverture ist mehr als ein Name. Es hört sich in seinen Ohren wie eine verheissungsvolle Melodie an, die ihn überall hin begleitet. Toussaint ist ein Sklave, der das Glück hat lesen zu lernen. Dank seinen ausserordentlichen geistigen Fähigkeiten arbeitet er sich vom einfachen Feldarbeiter bis zum hochkarätigen Verwalter und Geschäftsmann hoch. Er erhält sogar die Freiheit und könnte sich mental auf einen ruhigen und angenehmen Lebensabend einstellen. Auch er hat Angst. Er fürchtet sich um sein Leben und seiner Freiheit. Doch er überwindet seine egoistischen Gefühle und opfert sich für die Menschheit.
Ohlsen will so sein wie Toussaint Louverture. Heimlich stellt er sich vor, schwarz zu sein. Seinen Herzenswunsch hat er noch niemals ausgesprochen. Doch für ihn ist klar, dass er die Schwarzen mit ganz anderen Augen betrachtet als die meisten anderen seiner Rasse. Seit einigen Monaten ziehen die dunkelhäutigen Mädchen seine Aufmerksamkeit auf sich. Ihm fehlt jedoch der Mut, sie anzusprechen. Als kleines Kind nähert er sich allen Schwarzen mit derselben Unbekümmertheit. Das hat sich geändert. Er distanziert sich bewusst von den Mädchen in seinem Alter. Heimlich beobachtet er sie, erfüllt von glühender Leidenschaft.
Nikita ist der Name eines Sklavenmädchens, das ihn nicht nur aufgrund ihres Aussehens fesselt, sondern weil sie sich von all den Schwarzen hier unterscheidet. Sie ist noch eine echte Afrikanerin, die in stolzem aufrechten Gang geht. Noch vor einem Monat hat sie im Urwald gelebt, umgeben von exotischen Tieren und Pflanzen…
Ein Gentleman überrumpelt sie mit seiner zuvorkommenden Art. Er lässt sie und ihren Stamm im Glauben, dass er ein gewöhnlicher Reisende wäre, der ihre Kultur kennen lernen will.
«Komm, Nikita! Ich zeigt dir mein Schiff!», flüstert er ihr eines Tages in perfektem Suaheli verheissungsvoll ins Ohr.
Sie vertraut ihm blindlings und folgt ihm ins Verderben. Kaum ist sie auf Deck, setzt sich das Schiff in Bewegung. Es ist perfekt durchorganisiert. Sie realisiert es zu spät. Zumindest ist ihr Aufenthalt im Vergleich zu den hunderten Schwarzen, die unter dem Deck dahinsiechen, zu ertragen. Dafür sorge der Gentleman. Er kümmert sich um sie, gibt ihr regelmässig zu essen und zu trinken und überzeugte sie davon, dass ihr ein interessantes Leben in einer völlig neuen Welt bevorstünde. Sie glaubt ihm. Sie weiss nichts von den vielen leidenden Menschen unter Deck.
Tief in ihrem Innern spürt sie, dass etwas nicht in Ordnung ist. Sie wiegt sich jedoch in der Hoffnung, dass der beeindruckende Mann die Wahrheit spricht. Er verhält sich ihr gegenüber bis zum Schluss wie ein richtiger Gentleman. Nach einer relativ angenehmen Schifffahrt bringt er sie dann nach Washington in den Sklavenstall. Die vielen Angstverzerrten Gesichter beginnen sie zu beunruhigen. Doch der Gentleman ist gerissen. Er sorgt dafür, dass ihr nichts Unangenehmes widerfährt. Er kennt seine Leute. Er hat so seine Beziehungen. Das vereinfacht die ganze Geschäftsabwicklung. Das sonst sehr rebellische Mädchen fügt sich allen Anordnungen. Spätestens im Sklavenstall weiss sie, dass sie in der Falle ist. Hätte man sie geschlagen oder versucht sie mit Gewalt in einen Käfig zu zerren oder ihr Ketten anzulegen, hätte sie sich wie eine Wildkatze zu wehren versucht. Mit ihren Fingernägeln hätte sie sich in die Gesichter ihrer Angreifer gekrallt.
Doch nichts dergleichen geschieht. Ihr neuer Eigentümer, Carlson Read, verhält sich ihr gegenüber Vorbildhaft Gentlemanlike. Er kann auch anders. Er hilft ihr sogar auf dem Wagen. Wie ein Liebespaar fahren sie dann gemeinsam zu ihrem neuen Leben als Sklavin. Als sie ankommen verändert er sich nicht – noch nicht! Er vertraut sie einer alten Sklavin an, die ebenfalls eine Suaheli ist.
«Kümmere dich um sie und sorge dafür, dass sie spurt!».
«Ja, Master!», antwortet sie demütig und verbeugt sich tief vor ihm.
Ihr Akzent ist nicht zu überhören. Bei diesem Anblick erstarrt Nikita innerlich. Seither lebt sie hier. Sie wird noch kein einziges Mal geschlagen. Sie lernt aussergewöhnlich schnell. Jede Arbeit, die man ihr beibringt, beherrscht sie sofort. Sie hat auch schon ein paar Brocken Englisch aufgeschnappt, um sich zu verständigen. Sie ist stolz, noch unverletzt und unverbraucht. Einige weisse Aufseher haben schon ein Auge auf sie geworfen. Mit ihren lüsternen Blicken verfolgen sie sie. Mit ihren Augen ziehen sie sie förmlich aus. Ohlsen ist das nicht entgangen. Sein sexuelles Verlangen würde niemals ausreichen, um sich dazu zu überwinden, sie anzusprechen. Es ist sein Beschützerinstinkt, der ihn dazu veranlasst, auf sie zuzugehen…

Leseprobe Nr.2«Herr Direktor Hieronimus!».

Sara hat tief Luft geholt, um diesen ungewöhnlichen Namen auszusprechen. Der grossgewachsene Mann mit dem hohen Zilinderhut dreht sich unvermittelt um und blickt höchst verblüfft in ihr Gesicht. Sein hageres Gesicht erinnert an Tod und Verderben. In seine stechenden Augen glaubt sie nichts als Ablehnung und Vorwurf zu erkennen. Sie bereut es schon jetzt, ihn überhaupt angesprochen zu haben. Seine schmalen Lippen bleiben geschlossen. Er mustert sie bloss auf unangenehme Weise.
«Ich wollte Sie in eine Angelegenheit sprechen!».
Ihre eigene Stimme klingt für sie bedrohlich. Unzählige von Verbindungen werden in in ihrem Gehirn reflexartig ausgelöst. Insgeheim fragt sie sich, was wohl der Anlass ist, dass dieser Mann mit diesem Namen getauft worden ist. Sie vermag sich nicht vorzustellen, dass er etwas mit dem legendären Hieronimus, der dreihundertsiebenundvierzig n. Chr. in Dalmatia geboren und vierhunderzwanzig n. Chr. in Betlehem gestorben ist, gemein hat. Er ist Kirchenvater, Heiliger, Gelehrter und Theologe der alten Kirche. Sie hat all seine Kommentare zu biblischen Schriften gelesen. Sie schätzt es, dass er trotz seiner hohen Religiosität auch für heidnische Schriften empfänglich ist. Hat sie sich vom Klang dieses Namens dazu verleiten lassen, auf den Direktor zuzugehen?
«Sprich, Negerin!», ertönt seine kalte Stimme, die eher einem unerschütterlichen Krächzen gleicht, als einem menschlichen Laut.
«Mein richtiger Name lautet Sara Kun! Ich bin in Wien aufgewachsen, zur Schule gegangen und habe in der Universität von Wien Rechtswissenschaften studiert. Anschliessend sammelte ich wertvolle Erfahrung als Praktikantin und später als Anwältin unter der Leitung von Professor Siegesmund. Ich kann Ihnen gerne seine Referenz bei Bedarf zukommen lassen. Mein Vater heisst Rudolf Kun…».
Sie hört sich selbst reden, als sie ihre familiäre Herkunft, ihren beruflichen Werdegang und all ihre Beziehungen akrybisch genau beschreibt. Soviel hat sie nicht einmal annähernd gesprochen, seit sie hier ist. Mit jeder Silbe, die von ihrem Mund kommt, wächst ihre innere Zuversicht. Der Klang ihrer Stimme klingt verheissungsvoll und ruft verführerisch nach Freiheit. Worte, die sich zu sinnvollen Sätzen verbinden, Informationen, Argumente und ein freier Geist sollten doch genügen, um einen gebildeten Mann von der Wahrheit zu überzeugen.
«In meinen Augen bist du nichts weiter als ein schlauer Affe, der mich beeindrucken will! Geh mir aus dem Licht, sonst lasse ich meine neunschwänzige Katze eigenhändig auf deinen nackten Arsch knallen!».
Seine Worte erreichen nur ihr Herz, das sich für einen Moment lang verkrampft, so als ob ihr letztes Stündlein geschlagen hätte. In ihrem Gehirn schwingen immer noch die Namen all der verheissungsvollen Werke des heiligen Kirchenvaters, Hieronimus. Das Bild von Albrecht Dürer, vom Jahr fünfzehnhundertvierzehn, schwebt vor ihrem geistigen Auge. Hieronimus in seinem Gehäuse ist darauf abgebildet. Sein Haupt leuchtet voller Güte und geistiger Stärke. Dieses Bild vermischt sich auf perverse Weise mit dem Bild der Realität. Das Gesicht des jetzigen Hieronumus, des Direktors dieses Sklavenstalls, scheint sich auf schmerzhafte Weise mit ihrem inneren Bild ihres geistigen Führers zu vereinen.
Sie zieht sich zurück, ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Sie wirkt wie ein Automat, als sie den Besen in die Hand nimmt. Rita entgehen nicht ihre hölzernen Bewegungen. Sie rennt sofort zu ihr, nachdem sich Direktor Hieronimus zurückgezogen hat.

Leseprobe Nr. 3

Die perfekte Rolle

Er lässt geschickt seine Muskeln spielen, ohne dabei aufgesetzt oder eingebildet zu wirken. Mit eleganten Schritten schlendert er an ein paar hübschen Frauen vorbei, deren leuchtende Augen ihn von hinten abzutasten beginnen. Er ist zwar nach wie vor das verängstigte Kind. Aber hier findet er eine Möglichkeit sich auszudrücken.
«Gib ein Bier, Mann!», ruft er dem dunklehäutigen Kellner zu.
Mit dem Bier in der Hand beginnt er sich langsam aber sicher in einen Zustand totaler Entspannung hineinzusteigern. Der wilde Blues trägt erheblich dazu bei, dass seine animalischen Kräfte geweckt werden. Statt sich wie die anderen bedingungslos der Musik hinzugeben, beobachtet er die Menschen um sich herum. Dabei fühlt er sich überlegen, einzigartig und auserkoren in der Welt der Geächteten. Sein geringer Wortschatz reicht leider nicht dazu aus, sein Gefühl zu beschreiben. Das ist ihm auch völlig gleichgültig. Ihm genügt es vollkommen, in die vielen schwarzen Gesichter zu blicken, die seines Erachtens alle Unwissende sind. Sogar seinen Freund Gabriel hält er für einen dummen «Nigger».
Aber auch Tom kann nicht umhin als sich von den schweren Klängen des Blues hinreissen zu lassen. Wenn er sich jedoch bewegt, fällt er auf. Seine Bewegungen sind anmutig, wild, leidenschaftlich und kontrolliert zugleich. Tanzen ist schon immer seine Leidenschaft. Schon als kleines Kind füllt er seine leeren Stunden mit Tanzen aus. Doch er geht über das ausgelassene Tanzen eines kleinen Sklavenjungen hinaus. Er entwickelt seine Leidenschaft zur Perfektion. Er beobachtet die Tanzstile all der Menschen, auch die der Weissen, um sie zu verinnerlichen.
Das Wort Walzer hat er irgendwo in Louisiana aufgeschnappt. Seither fesselt ihn dieser Tanzstil. Er verkörpert die Kultur der Weissen. Dass er ihre Tanzschritte weiss, ist für ihn gleichbedeutend mit Macht. Er weiss sich auch wie ein Weisser zu bewegen. Sobald er jedoch einem Weissen begegnet, senkt er beschämt und voller Angst seinen Blick. Seine ganze Haltung verzerrt sich dann auf groteske Weise.
Tom kommt langsam in Fahrt. Mit seinen pirouettenartigen Schritten erinnert er an einen klassischen Balletttänzer. Er hat einmal Gelegenheit ganze zwei Stunden einem Tanzpaar beim Ballet zuschauen zu können. Schwungvoll hebt er sein muskulöses Bein und lässt es eindrucksvoll über die Köpfe der anderen schwingen, woraufhin ein «Oh!» und «Ah!» zu hören sind. Seine Jeans spannt sich dabei verführerisch um seinen Lendenbereich. Seine Bewegungen werden immer wilder, verführerischer und komplexer. Man ist begeistert. Man kann nicht anders, als diesen wunderschönen Menschen dabei zuzusehen, wie er sich auf ästhetische Weise im Kreis bewegt.
«Ich hab noch nie jemand so tanzen sehen!», ruft eine junge Frau aus.
«Hm, ja, ja! Sehr schön!», erwidert ihre Freundin und starrt ihm demonstrativ zwischen die Beine.
Sie zwinkert ihrer staunenden Freundin zu, worauf sie nur sagt:
«Ach komm schon! Du denkst wieder einmal nur an das eine!», kommentiert sie und stimmt im allgemeinen Gekreisch ihrer Freundin und den anderen Mädchen mit ein.
Immer noch tanzend bewegt sich der männliche Ausbund von Schönheit, Grazie und Männlichkeit, zu ihnen. Ihr Gekreische wird noch lauter. Nur Petty hat aufgehört wie eine Wilde zu schreien. Mit ihren Augen verfolgt sie diese anmutige Gestalt, die wie ein überirdisches Wesen um die kreischenden Weiber kreist. Sie vergisst sogar für Augenblicke das Atmen, so überwältigt ist sie. Plötzlich bewegt er sich direkt auf sie zu und hält breitbeinig vor ihr an. Sie erstarrt innerlich und blickt voller Ehrfurcht in sein breites, aber charmantes Grinsen.
«Lady, darf ich um diesen Tanz bitten?».
Seine Stimme klingt nicht weniger anmutig.
Petty verzieht ihr Gesicht zu einem schüchternen Lächeln. Wie ein kleines Mädchen hält sie dabei ihre Hände vor das Gesicht. Doch Tom lässt sich nicht davon beirren. Wie ein Held streckt er seine riesige Hand nach ihr aus, um sie sanft, aber bestimmt zu sich zu ziehen. Petty verspürt ein Kribbeln in ihrem Bauch. Ihre Beine werden ganz schwach und ein leichtes Schwindelgefühl überkommt sie. Doch sie fällt nicht hin. Dafür sorgt Tom. Wie eine Puppe lässt sie sich von diesem starken Mann durch die Luft herumwirbeln.
Sie merkt noch nicht einmal, dass sich der Musikstil verändert hat. Tom schwingt nun seine Hüften zu einem heissen lateinamerikanischen Tanz. Er schiebt nun sein Bein, das er noch vor wenigen Minuten über ihren Kopf hat schwingen lassen, zwischen ihre Schenkel. Petty schliesst ihre Augen. Das Gefühl, einfach loszulassen, blindlings jemandem zu vertrauen und sich dabei geborgen zu fühlen, wäre nur halb so berauschend, verspürte sie nicht dieses warme Kribbeln in ihrem Unterleib. Als dann langsame Musik folgt, schmiegt sie sich voller Wonne in seine Arme. Sie nimmt seinen herben Körperduft auf und vergisst alles um sich herum.
Ihre Eltern, die sie ausnahmsweise haben ausgehen lassen, existieren für sie im Moment gar nicht mehr.
«Ich heisse Tom!».
Petty zuckt zusammen. Hat er gerade zu ihr gesprochen. Seine Stimme klingt so erfrischend hell.
«Petty!», schiesst es aus ihr heraus.
«Petty! Petty! Petty!».
Er ruft ihren Namen dreimal aus. Seine Stimme klingt so verheissungsvoll. Petty schliesst einfach nur ihre Augen, und schmiegt sich noch enger an seinen Körper. Er erinnert sie stark an ihren Vater. Auch ihr Vater ist gross, stark und sehr leidenschaftlich. Ihr Vater ist auch ein stolzer Mann, der sein Leben lang gekämpft hat. Weder Schwarze, noch Weisse schafften es jemals, seinen Willen zu brechen.
«Dann komm Petty an die frische Luft! Wenn du dich getraust!», hört sie ihn plötzlich sprechen.
Der Klang seiner Stimme hat sich verändert. Sie klingt fordernd und einschmeichelnd zugleich. Petty blickt zu ihm hoch. Ihre Augen gewähren ihm einen tiefen Einblick in ihr Inneres. Sofort erkennt er, dass sie sich in ihm, oder besser gesagt in seine Rolle verliebt hat. Sie ist nicht jemand, der sich einfach so in den erstbesten Mann verliebt. Er ist davon überzeugt, dass sich zwischen ihr und ihm etwas ganz besonderes abspielt. Es geht über die Leidenschaft hinaus. Seine Rolle spielt er so perfekt, dass sie ihn für ihren absoluten Traummann hält. Das ist wirklich etwas Besonderes. Denn Pettys Anforderungen hinsichtlich Männer sind ausgesprochen hoch. Wer es nicht schafft, ihrem Vater an Manneskraft, Charme, Ausstrahlung und innerer Stärke das Wasser zu reichen, hat bei ihr von Anfang an verloren.
Instinktiv weiss Tom, dass er mit ihr nicht ewigs draussen bleiben kann. Am liebsten hätte er sie in seine Arme genommen, um sie zu küssen. Es ist zu früh! Es ist zu früh! Nach einer viertel Stunde gehen sie wieder herein, um etwas zu trinken. Jede andere Frau hätte er dazu rumgekriegt, dass sie ihn in seine selbst gebaute Steinhütte folgt. Er hat schon viele Frauen rumgekriegt. Er hat sich noch niemals in eine verliebt. Esmiralda ist bisher die einzige, die er von ganzem Herzen geliebt hat. Sie erinnerte ihn irgendwie an seine Mutter, deren Gesichtszüge nur noch schemenhaft vor seinem geistigen Auge erscheinen. Inzwischen ist schon eine halbe Ewigkeit vergangen…
Er vergöttert Esmiralda. Sie ist noch ein Kind, als er sie das erste Mal küsst. Trotzdem fühlt er sich auf unbestimmte Weise ihr gegenüber unterlegen. Sie weiss immer schon im Voraus, was zu tun ist. Mit ihren Eltern hat er niemals Probleme. Die sind sogar froh, dass er ihre Tochter auserwählt hat. In ihren Augen entspricht er genau dem Typ von Mann, der ihren Anforderungen gerecht wird. Geld spielt dabei keine Rolle. Obwohl er finanziell nichts zu bieten hat, steht einer Heirat nichts im Wege. Sein Schwiegervater übernimmt all die Kosten, die eine Heirat so mit sich bringt. Er verbraucht fast all sein schwer verdientes Geld, das er in all den Jahren angespart hat. Für einen Schwarzen hat er es zu etwas gebracht. Er kann seiner Frau und seiner Tochter ein wohl behütetes Leben bieten.
Die Jahre verfliegen wie im Flug. Doch sie wird nicht schwanger. Obwohl sie sich anfangs fast mehrmals am Tag lieben, bleibten sie kinderlos. Ihre Eltern befürchten, dass er sich deswegen von ihr abwenden würde. In ihren Augen ist Tom etwas ganz Besonderes. Umso mehr schätzen sie, dass er zu ihr hält. In ihren Augen repräsentiert er den Sohn, den sie sich wünschen. Allein sein Aussehen überwältigt sie. Seine weiteren Eigenschaften, wie Fleiss, Disziplin und Treue schätzen sie noch mehr. Er ist in ihren Augen das Vorbild eines jeden schwarzen Mannes. Trotz seines zarten Alters von zwanzig Jahren weiss er bereits, was es heisst, Verantwortung zu übernehmen.
Tom scheut sich nicht davor, sechzehn Stunden am Tag zu schuften, um seiner Frau ein sicheres Heim zu bieten. Er ist seinem Schwiegervater dankbar dafür, dass er ihm ein Stück Land gekauft hat, damit er mit seiner Frau eine eigene Familie gründen kann. Mit seinen eigenen Händen baut er ein Haus und bebaut das Land. Viel bringt es jedoch nicht ein. Die paar Kartoffeln reichen niemals aus, um sich und seine Frau zu ernähren. Er sieht sich deshalb gezwungen, sich nach Arbeit umzusehen. Dank seines handwerklichen Geschicks ist das für ihn kein Problem. Die Strassen der Grossstädte, deren Vororte bedürfen ständig irgendwelcher Sanierungen. Darüber hinaus boomt es regelrecht nur so von Einwanderern. Man braucht Platz. Also muss man Häuser bauen.
Tom fühlt sich wie in einem Schlaraffenland. Er kann sich die Jobs sogar aussuchen. Sein Leben pendelt sich langsam aber sicher ein. Mit Beginn der Saison verlässt er seine Frau, um als Bauarbeiter Geld zu verdienen. Doch er nutzt jede freie Zeit, um Esmiralda zu besuchen. Anfangs sucht er sich immer nur Jobs aus, wo er nicht so weit von Louisiana, seinem Zuhause, entfernt ist. Jedes Mal, wenn er zurückkehrt, hat er das Gefühl sich in sie neu zu verlieben. Dass sie aufgrund ihrer finanziellen Situation räumlich getrennt sind, tut ihrer Beziehung gut. Auf diese Weise werden sie sich ihrer niemals überdrüssig. Esmiralda liebt und schätzt ihn als Ehemann, Geliebten und Freund. Insgeheim weiss er, dass er zu ihr hoch schaut, weil sie ihn an seine Mutter erinnert. Das will er sich jedoch niemals eingestehen. Solange sie ihn liebt, ist ihm alles andere gleichgültig.
Als dann Esmiralda schwanger wird, ändert sich alles. Niemals hätte er es für möglich gehalten. Sie ist bereits achtundzwanzig und Tom hat sich damit abgefunden, niemals Vater zu werden. Deswegen hat er nie sonderlich gelitten. Denn er kann eh nichts mit Kindern anfangen. Die neun Monate, wo das Kind in ihrem Bauch heranwächst, scheinen die längsten seines Lebens zu sein. Sie weigert sich in dieser langen Zeit sexuell auf ihn einzulassen. Er leidet darunter sehr. Obwohl er täglich mehrmals am Tag masturbiert, kann er nicht aufhören, an Esmiralda zu denken. Er entwickelt sogar fast Hassgefühle auf sein noch ungeborenes Kind, weil er ihm die Schuld dafür gibt, dass sie sich ihm verweigert.
Natürlich schämt er sich für seine kindlichen Gefühle. Als es dann endlich so weit ist, freut er sich von ganzem Herzen. Er ist davon überzeugt, dass sich mit der Geburt des Kindes alles wieder zum Guten wenden würde. Zu seinem Bedauern tritt das Gegenteil ein. Es passiert genau das, was Tom insgeheim befürchtet hat, nämlich, dass ihr Kind, ein Junge, Namens Joshua, seinen Platz einnehmen würde. Von nun an ist Joshua das Zentrum ihrer Familie. Er kann sich nicht erklären, warum sich Esmiralda immer mehr von ihm abwendet. Er gibt seinem Sohn die Schuld dafür. Dafür hasst er ihn von ganzem Herzen. Das hat sich bis heute nicht geändert…
Esmiralda entwickelt sich immer mehr zu einem richtigen Haustyrannen. Tom kann es ihr niemals recht machen. Für alles gibt sie ihm die Schuld. Wenn sie eines ihrer berühmten Wutanfälle hat, verzieht er sich lieber. Denn insgeheim fürchtet er sich vor ihr. Es ist fast so, als ob sich all sein leidenschaftliches Gefühl für sie in pure Angst gewandelt hätte. Seit der Geburt von Joshua sind inzwischen sechs Jahre vergangen. In seinen Augen gibt es nicht viel Nennenswertes über diesen Jungen zu sagen, ausser vielleicht, dass er ihn von ganzem Herzen hasst. Es ist wie ein Teufelskreis. Je mehr er Joshua hasst, desto schlimmer wird er von Esmiralda behandelt. Er befürchtet, dass sie ahnt, was er für das Kind empfindet.
Tom schafft es nicht, Esmiralda die Stirn zu bieten. Je schlimmer sie ihn behandelt, desto unterwürfiger verhält er sich ihr gegenüber. In den letzten sechs Jahren hat er sich nicht weiterentwickelt. Im Gegenteil, er hat sich zurückentwickelt. Er ist wieder das Kind und sie ist die Mutter, die das Sagen hat. Seither geht er fremd…
Die Stunden verfliegen wie im Flug. Der Morgen bricht herein. Es ist Samstag! Für Tom ist das in diesem Moment wahrhaftig ein Segen. Er könnte sich jetzt nicht vorstellen, den ganzen Tag auf der Strasse zu ackern und sich von Mister Brown anschreien zu lassen. Plötzlich gehen die Lichter aus. Er blickt zu Petty herunter, die immer noch in seinen Armen liegt. Oh Gott, ist sie schön! Im Matten Licht erkennt er ihre wahre Schönheit. Es ist nicht nur ihr verführerischer Körper, der ihn umhaut. Es ist ihr Leuchten, das ihn fesselt. Er braucht nur in ihre Augen zu blicken, um zu erkennen, dass sie ihm mit Haut und Haaren verfallen ist. Ihre Gefühle sind ehrlich. Davon ist er überzeugt. Er würde sie niemals mit diesen Schlampen, die hier üblicherweise verkehren, im gleichen Topf schmeissen.
Tom weiss, was sich gehört. Er bringt Petty unversehrt nach Hause. Oh, welch ein Glück! Sie wohnt gleich in der Nähe, wo er momentan arbeitet. Er vermeidet es jedoch bewusst, ihr das zu verraten. Er möchte auf keinen Fall, dass sie ihn besuchen kommt, obwohl er sich das tief in seinem Innern wünschen würde. Er befürchtet, dass seine Frau, Esmiralda, die für ihn allgegenwärtig zu sein scheint, das erfahren könnte. Es grenzt schon an Paranoia. Aber jedes Mal, wenn er mit einer fremden Frau Sex hat, hat er das Gefühl, dass ihn unsichtbare Augen verfolgen. Mit Petty hat er nicht einmal Geschlechtsverkehr. Doch seine Gefühle für sie sind so stark, dass er glaubt, Esmiralda könnte das von Louisiana aus spüren.
«Bis zum nächsten Mal!», sind Toms Worte, als er sich von Petty vor der Tür ihres Elternhauses verabschiedete…
Seit jener romantischen Nacht sind sieben Tage vergangen und er hat sich nicht überwinden können, sie zu besuchen. Esmiralda spukt wie ein dunkler Schatten in seinem Kopf herum. Obwohl er vor Lust fast vergeht, hindert ihn etwas daran, sich seinen Gefühlen hinzugeben. In der Bluebar spielt er eine Rolle. Nur auf diese Weise kann er seine Gefühle ausleben. Er hat nicht damit gerechnet, dass ihm eine Frau wie Petty begegnen würde. Bei jeder anderen hätte er keine Skrupel gehabt, mit ihr Verkehr zu haben. Das schlechte Gewissen hätte sich zwar bei ihm mit Sicherheit gemeldet, aber das ist er ja gewohnt. Er hat gelernt mit diesem Teufelskreis zu leben. Inzwischen ist das so etwas wie Routine für ihn.
Petty hat ihn aus dem Gleichgewicht gebracht. Statt sich in den Wochenenden mit anderen Frauen zu vergnügen, verweilen seine Gedanken immer mehr bei Esmiralda. Er fühlt sich wieder in die Zeit zurückgeworfen, als sie noch kein Kind gehabat haben und er ihr Leben ausgefüllt hat. Er ist ihre grosse Liebe gewesen und sie die seine. Joshua hat alles zerstört…

Sich schmutzig fühlen

Tom verlässt mit einem Haufen Geld das Lohnbüro von Mister Brown.
«Oh, vielen Dank, Mister Brown! Tausend Dank, oh Mister Brown!».
Seine eigenen Worte schwingen immer noch in seinem Schädel.
«Ist ja gut, du alter Trottel! Verzieh dich jetzt! Ich meld mich dann bei dir, wenn ich dich wieder brauche!», ist alles, was der ehrenwerter Mister Brown zu ihm zu sagen hat.
Es ist Ende November achtzehnhundertvierundneunzig. Die Saison ist dieses Mal früher zu Ende gegangen als sonst.
«Hoffentlich ist das kein schlechtes Zeichen!», hofft er panisch.
Tom starrt zum Himmel empor, der sich milchig weiss gefärbt hat. Feine Schneeflocken fallen auf seinem Gesicht und verschmelzen gleich. Er fühlt sich wie gespalten. Freude und Trauer mischen sich zu einem intensiven Gefühl, das seine mächtige Brust zu zersprengen droht. Er läuft die Strasse entlang in Richtung Bahnhof, wo er in Kürze in einen Zug einsteigen wird, das ihn direkt nach Louisiana bringen wird. Einerseits freut er sich, Esmiralda wieder zu sehen. Andererseits trauert er um seine verpasste Chance. Seit er das letzte Mal mit einer Frau zusammen gewesen ist, sind zwei Monate vergangen. Petty ist diese Frau. Was hätte er ihr sagen sollen, wenn sie sich ernsthaft auf eine Beziehung mit ihm hätte einlassen wollen.
Petty ist noch so jung. Das ist das erste Mal, dass er tiefe Gefühle für eine Frau empfunden hat, ohne sich dabei unterlegen zu fühlen. Im Gegenteil, er fühlt sich wie ihr Beschützer, der vom Leben mehr weiss als sie. Seine Zweifel haben ihn die letzten acht Wochen seines Aufenthaltes hier beherrscht.
Er kann schon den Bahnhof sehen. Seine Schritte beschleunigen sich. Er fühlt sich wieder wie damals, als er sich darauf gefreut hat, Esmiralda in seine Arme zu nehmen. Plötzlich hält er vor einem Blumenladen, der sich unmittelbar in der Nähe der Gleise befindet, an. Voller Euphorie betritt er den Laden. Er bemerkt die vielen Weissen, die ihn mit ihren arroganten Blicken durchlöchern. Trotzdem marschiert er direkt auf den Floristen zu, der ihn mit seiner kleinen runden Brille zu mustern beginnt. Er versucht die Angst und Scham in seinem Innern zu ignorieren.
«Da hat sich wohl jemand verirrt! Oder suchst du einen Job, Mann? Hä, hä, hä!».
Die Stimme des Floristen klingt aufdringlich, nasal und snobistisch. Das Schmunzeln der anderen ist deutlich zu vernehmen. Tom hält abrupt an. Für Augenblicke fragt er sich nicht, ob es nicht besser wäre, auf direktem Wege wieder hinaus zu gehen. Seine Gedanken überschlagen sich. Doch er bleibt.
«Äh, Verzeihung Mister! Äh, ich will…, äh, Blumen für meine Frau…», stammelt er.
Tom spürt, wie ihm das Blut in den Schädel schiesst. Schweisstropfen haben sich auf seiner Stirn gebildet. Während er voller Angst und Scham auf den Boden starrt, vernimmt er die Stimme des kleinen Mannes, der hier seit fast dreissig Jahren Blumen verkauft.
«Ähm, ähm, Blumen für meine Frau! Ähm, ähm!», äfft er ihn nach.
«Hast du denn Geld, Junge?».
Die Frage klingt wie ein Befehl. Tom holt hastig seine Börse aus seiner Tasche. Dabei zittert er am ganzen Leibe. Er fühlt sich wie ein Verbrecher, der sich davor fürchtet auf frischer Tat ertappt zu werden. Voller Scham streckt er ihm eine Dollarnote entgegen.
«Wow! Seht, seht! Der Nigger hat ja Haufen Kohle! Fragt sich bloss, von wo!», näselt der mickrige Kerl.
Die anderen gaffen Tom noch immer an, als ob es sich um ein achtes Weltwunder handeln würde. Während der Florist herzlos ein paar Blumen zusammensucht, steht er immer noch da und zittert. Er fühlt sich wieder wie damals, als er ständig Zeuge ist, wie irgendwelche Sklaven wegen irgendetwas bestraft werden. Dabei hat er stets das Gefühl, ihr Leid am eigenen Körper spüren zu können.
«So, mein Herr, bitteschön!», näselt der kleine Mann sarkastisch und überreicht ihm einen dürftigen Strauss, der niemals sein Geld wert ist.
Das Grinsen der anderen gleicht einem unheimlichen Rumoren. Tom erkennt auf den ersten Blick, dass er übervorteilt worden ist. Doch er unternimmt nichts dagegen. Er schweigt. Wie immer! Schnell ergreift er denn Strauss und ist froh endlich aus dem Gesichtsfeld der anderen verschwinden zu können. Draussen steht schon der Zug, in das er einsteigen muss. Voller Angst blickt er um sich. Er ist der einzige Schwarze hier. Wo er auch hinblickt, überall starren ihn bleiche Gesichter an. Es ist eine Tatsache, dass sich die meisten Schwarzen keine Zugfahrt leisten können.
Als er in den Zug steigt, stellt er sich voller Grausen vor, wie er wohl vom Kontrolleur schikaniert werden würde. Er kann das verdammte Zittern in seinem Körper nicht stoppen. Er hat das Gefühl an Schüttelfrost zu leiden. Als er die vielen weissen Reisegäste erblickt, verkrampft sich sein Magen. Er entdeckt nirgends einen geeigneten Platz. Er kann sich nicht vorstellen, sich neben einem Weissen zu setzen. Dazu fühlt er sich nicht in der Lage. Aber hier herumzustehen, um sich ihrer schrägen Blicke ausgesetzt zu fühlen, geht auch nicht. Er findet eine Nische, in der Nähe der Koffer. Dort fühlt er sich einigermassen sicher. Doch auch hier zuckt er bei jedem Schritt, der sich ihm nähert, zusammen. Obwohl er für die Fahrt bezahlt hat, fühlt er sich wie ein Verbrecher. Als der Zug sich endlich unter lautem Getöse in Bewegung setzt, beginnt er sich langsam zu beruhigen. Er setzt sich notgedrungen auf dem Boden und spürt auf einmal, wie sich die bleierne Müdigkeit in seinem ganzen Körper auszubreiten beginnt.
«Hey, Junge! Heee, aufstehen!».
Eine brummige Stimme, die aus weiter Ferne zu klingen scheint, weckt ihn auf.
«Heee, soll ich dir Beine machen! Du verdammter Nigger!».
Tom reisst erschrocken seine Augen auf. Ruckartig steht er auf. Er bringt kein Wort der Entschuldigung heraus. Stattdessen streckt er ihm zitternd seine Fahrkarte entgegen. Der Mann in Uniform staunt nicht schlecht.
«Wem hast du sie abgeluchst, du verdammter Nigger!».
Tom, der innerlich erstarrt zu sein scheint, bringt kein Wort heraus. Er fühlt sich wie ein Verbrecher, der auf frischer Tat ertappt worden ist und nun vor dem jüngsten Gericht steht.
«Hey, ich hab dich was gefragt! Ich kann auch anders!».
Plötzlich holt der rundliche Kerl seinen Knüppel hervor. Tom, der zwei Meter Mann, steht nur da und zittert vor Angst. Der Beamte erinnert ihn an die vielen Weissen während seiner Zeit als Sklave. Aus reiner Willkür haben sie auf die schwarzen Menschen eingeschlagen. Tom steht aufrecht wie eine Säule und wartet auf seine Strafe. Er weiss zwar nicht, wofür er bestraft werden soll, aber das spielt für ihn gar keine Rolle. Er ist schwarz und der Uniformierte weiss. Nur das zählt.
«Halt! Ich verbiete Ihnen, dass Sie diesen Mann schlagen, Monsieur!».
Die helle Frauenstimme ertönt wie der verheissungsvolle Gesang eines Engels. Ihr Akzent ist Französisch. Das hört er überdeutlich.
«Das geht Sie nichts an, Miss! Gehen Sie wieder an ihren Platz zurück!», faucht sie der Dicke an.
Tom steht immer noch da und versteht die Welt nicht mehr. Eine weisse, bildhübsche Frau, in deren Augen er sich wie Dreck fühlt, möchte verhindern, dass er von einem weissen Mann geschlagen wird.
«Ich werde Ihnen bestimmt nicht diesen Gefallen machen, damit Sie sich ungeniert an diesen armen Mann abreagieren können, Sie Kretin!».
Die junge Lady, die mit ihrem modernen eng taillierten Kleid so gar nicht an die Südstaatenlady erinnert, nähert sich energischen Schritten den beiden Männern. Der Beamte öffnet seinen Mund. Doch er bringt kein Wort heraus. Seine krummen Zähne kommen zum Vorschein und lassen ihn noch hässlicher aussehen, als er eh schon ist. Tom wagt einen flüchtigen Blick auf diese Unbekannte, deren Anblick ihn beängstigt und zugleich fasziniert. Als sich ihre Blicke zufällig treffen, senkt er wieder schuldbewusst seinen Blick.
«Ganz zufällig habe ich gesehen, wie dieser Mann diese Fahrkarte mit seinem eigenen Geld gekauft hat! Ganz zufällig habe ich gesehen, dass er es vorgezogen hat, die weissen Herrschaften nicht mit seiner Anwesenheit zu belästigen. Nur deshalb hat er auf sein Recht als Mensch verzichtet, sich einen Platz im Abteil auszusuchen, für das er eigentlich bezahlt hat!».
«M-mam, oder äh, Miss, wie auch immer, ich streite mich nicht mit Ihnen herum! Ich lasse Sie allein mit diesem verdammten Nigger. Wenn er über sie herfällt, bin ich nicht da, um sie zu retten. Sie haben Ihre Chance vertan!».
Mit diesen Worten verabschiedet sich der Kontrolleur und stampft wutbrausend davon. Die weisse Lady steht immer noch da und blickt Tom mit ihren grossen blauen Augen an.
«Danke, Mam!», schiesst es aus ihm heraus.
Er wagt es nicht in ihre Augen zu schauen. Er befürchtet, er könnte sie dadurch beleidigen. Er fühlt sich wieder wie der kleine Sklavenjunge, dem man mit übelsten Beschimpfungen und Schlägen beigebracht hat, wo sein Platz ist. Plötzlich streckt sie ihm ihre kleine zarte Hand entgegen. Tom starrt sie ungläubig an. Wie auf Abruf ergreift er ihre Hand, die von einem sanften blauen Stoff umhüllt ist. Im selben Moment befürchtet er, dass er ihren Handschuh mit seinen dreckigen schwarzen Fingern beschmutzen könnte. Man hat ihm von Klein an eingebläut, dass schwarze Menschen dreckig sind.
«Nichts zu danken! Nennen Sie mich doch einfach Vivienne!».
Ihr hübsches Gesicht verzieht sich zu einem strahlenden Lächeln. Tom fehlen immer noch die Worte. Sein gigantischer Körper scheint jetzt zu einem Kinderkörper zusammengeschrumpft zu sein. Vivienne mustert ihn eine Weile und rollt bedeutungsvoll mit ihren Augen. Tom wird diesen Gesichtsausdruck niemals mehr in seinem Leben vergessen können.
«Tom!», schiesst es plötzlich aus ihm heraus.
Vivienne hebt ihre Augenbrauen nach oben. Ihr Gesicht erstrahlt dabei auf wunderbare Weise.
«Oh, Tom! Der Name klingt so einfach, solide und so, ähm, wie sagt man gleich, ah, ja, jetzt hab ich es! So kraftvoll!».
Wieder strahlt sie. Tom ist innerlich wie erschlagen. Er weiss noch immer nicht, wie er sich verhalten soll. In seinen Augen ist sie ein Übermensch, der sich dazu herabgelassen hat, mit einer dreckigen Kreatur wie ihn zu reden. Es kommt noch besser. Sie fordert ihn sanft, aber bestimmt auf, sein «Schneckenhäuschen» zu verlassen, um sie zu ihrem Platz zu begleiten. Nachdem sie den dunklen Raum verlassen haben, tauchen sie in einer Flut von hellen Sonnenstrahlen ein, die durch die riesigen Fenster des Abteils eindringen. Wie auf Abruf wenden sich die Köpfe der Gäste alle nach ihm und seiner beeindruckenden Begleiterin um. Niemand käme im Entferntesten auf die Idee, die beiden Menschen für gleichwertig anzusehen, am allerwenigsten Tom selbst, der wie ein misstrauisches Tier hinter ihr hertrottet.
Wie er so hinter ihr hergeht, sich dabei um dreissig Jahre oder noch mehr zurückversetzt fühlt und seine Blicke heimlich auf ihr wohlgeformtes Gesäss wandern lässt, fühlt er sich schuldbewusster denn je. Er erwartet jeden Augenblick eine herrische Stimme, die ihn in die Schranken weist.
«Setzen Sie sich doch! Hier ist genug Platz!».
«Ja, Mam!».
«Und hören sie auf, ständig Mam zu sagen! Mein Name ist Vivienne.».
Er zuckt innerlich zusammen. Trotz des melodischen Klanges ihrer Stimme, spürt er mit einem Male, dass sie eine knallharte Persönlichkeit ist. Etwas scheu und ungelenk setzt er sich ihr gegenüber. Sein Blick senkt sich mechanisch, so als ob das von ihm verlangt worden wäre. Ihm entgeht nicht, dass sie ihn mustert. Ihre Augen scheinen keine Stelle seines Körpers auszulassen. Er spürt, wie ihm die Hitze in den Kopf schiesst. Obwohl er heute nicht körperlich gearbeitet hat, fühlt er sich schmutzig. Er hat sich heute anlässlich seiner Reise gewaschen und extra frische Kleider angezogen. Trotzdem ekelt er sich vor sich selbst. Das Blut schiesst unweigerlich in seine Lenden. Er kann es nicht kontrollieren. Das ist eines seiner vielen Arten, auf Stress zu reagieren.
«Wenn sie jetzt zwischen meine Beine starrt, muss sie erkennen, dass ich erregt bin!», denkt er voller Angst und Scham.
«Tom, dann erzählen Sie mal etwas über sich! Sehen Sie, ich bin eine Schriftstellerin. Ich möchte über das Leben hier in Amerika schreiben. Vor allem interessieren mich die Menschen dieses Kontinentes. Menschen wie Sie!».
Beim Wort «Menschen» funkeln ihre Augen gefährlich. Energisch presst sie ihr Kinn nach vorne.
«Die Saison ist zu Ende! Äh, ich gehe jetzt heim zu meiner Familie!».
Seine Stimme ist kaum zu hören. Statt ihr in die Augen zu blicken, starrt er auf seine riesigen Hände und stellt voller Entsetzen fest, dass er noch Dreck unter seinen Fingernägeln hat. Vivienne fixiert ihn mit ihren stahlblauen Augen. Auch ihr ist der Dreck unter seinen Fingernägeln nicht entgangen. Doch das stört sie nicht im Geringsten. Für sie passt es zu seinen globigen Händen, die riesigen Schaufeln ähneln. Sein verkrampftes und unsicheres Verhalten steht in einem krassen Widerspruch zu seinem muskulösen Körper. Sie kann nicht umhin, als immer wieder einen flüchtigen Blick auf seine kräftigen Schenkel zu werfen, um die sich der derbe Stoff seiner Jeans gefährlich eng schmiegt.
Sein Anblick gefällt ihr, spricht ihre Sinne an und erinnert sie an ihre eigenen weiblichen Bedürfnisse. Sie ist noch nie in ihrem Leben einem schwarzen Menschen begegnet. Das ist für sie eine ganz neue Erfahrung. Dass sie mit Tom spricht, bedeutet ihr sehr viel. Sie ist ihm für seine Gesellschaft sehr dankbar. Ihr Gesicht erhellt sich. Sie leckt ihre sinnlichen Lippen, so dass sie verführerisch glänzen.
«Ach wie schön!», bemerkt sie euphorisch.
Sie strahlt über das ganze Gesicht. Doch ihre Augen funkeln gefährlich.
«Sie sagen, Sie haben mich gesehen?».
«Wie kann man einen so stattlichen Mann übersehen! Schon von weitem sind Sie mir mit ihrem majestätischen Gang aufgefallen. Ich hatte etwas Zeit und schlenderte im Bahnhof umher. Sie wissen ja, ich bin immer auf der Suche nach Inspiration. Ja, und da habe ich gesehen, wie sie das Ticket kaufen.».
Tom versteht das Wort «Inspiration» nicht. Doch er wagt es nicht nach ihrer Bedeutung zu fragen. Während der ganzen Fahrt schafft er es nicht ein einziges Mal, sich innerlich zu lösen. Wären sie alleine im Zug gewesen, hätte es sich anders verhalten. Die Blicke der anderen Fahrgäste irritieren ihn zu sehr. Gleichzeitig kämpft er gegen seine Gefühle an, die er heimlich für diese weisse Frau hegt. Sie ist nicht die erste weisse Frau, die er heimlich, voller Scham und Gewissensbissen sexuell begehrt. Aber sie ist die Erste, die mit ihm spricht, ja mehr noch, mit ihm kokettiert…

  
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