So unwirklich diese Geschichte einem auch erscheinen mag, sie ist wahr. Faszinierend und schockierend zugleich sind die Schilderungen von Zeugen über einen Menschen, der unter chemischen Fremdeinwirkungen stand. Sein Wesen veränderte sich auf verblüffende Weise. Er selbst merkte es nicht. Sein unruhiger Blick glich dem eines Junkies, seine Stimme vibrierte beim Sprechen auf unnatürliche Weise und es war schier unmöglich ihn, wenn er einmal zu sprechen angefangen hatte, in seinem Monolog zu unterbrechen. In ruhigen Momenten glich er einem Zombie. Romantische Filme, die ihn früher innerlich bewegt, gar zu Tränen gerührt hatten, liessen ihn kalt.
Umso schlimmer zeigten sich die Entzugserscheinungen, als er aufgrund eines bewegenden Momentes von einem Tag auf den anderen auf weitere Drogeneinflüsse verzichtete. Seine Hände zitterten, seine Gedanken überschlugen sich und seine Denkleistung war beträchtlich vermindert. Mehrmals am Tag wurde er von plötzlichen Impulsen überrascht, die sich wie Elektroschocks in seinem Körper bemerkbar machten. In seiner Zehenspitze begann ein Kribbeln, das dann in rasender Geschwindigkeit nach oben bis in seinen Schädel schoss. Das Gefühl empfand er als störend, erschreckend und beängstigend. Er war in einer normalen Arbeit nicht zu gebrauchen. Als er sich endlich wieder erholte, fühlte er sich genauso wie vorher. An seinen vorübergehend veränderten Zustand erinnerte er sich nicht. Was er wusste, hatte er von Zeugenberichten erfahren.
Ein Mann konsultierte einen Arzt, weil sich in ihm aufgrund seiner permanenten Schwierigkeiten im Beruf und Privatalltag die Frage aufdrängte, an welcher psychischen Störung er womöglich leiden könnte. Die sonst körperlich und geistig vitale Person fühlte sich verzweifelt. All seine Versuche sich sowohl im Beruf, wie auch im Sozialleben zu Recht zu finden, schlugen fehl. Sein Hausarzt empfahl ihm einen Psychiater, an den er sich sofort wendete. Die erste Sitzung fand im Frühjahr zweitausendfünf statt. Patient und Arzt begegneten sich auf die übliche Weise. Es folgten einige Befragungen, Stichprobenfragen und sich ein gegenseitiges Herantasten.
Der Patient erlebte den Psychiater als etwas seltsam. Ihn irritierte sein ständiges Schweigen und stummes Zuhören. Er hatte das Gefühl, dass die Gespräche sehr einseitig verliefen. Seine kindliche Frisur passte nicht zu seinem alten Gesicht. Der Patient fühlte sich zwar in seiner Gegenwart nicht unwohl. Doch ihm fehlte der nötige Halt, den er brauchte. Statt auf seine Kommentare einzugehen, schwieg der Psychiater nur und machte Notizen. Nach ein paar Sitzungen war für den Experten der Fall klar.
Die Diagnose lautete ADHS, Aufmerksamkeitshyperaktivitätssyndrom. Alles, was der Patient bisher darüber wusste, hatte er in einer Vorlesung in seinem Psychologiestudium in Zürich erfahren. Er nahm diese Neuigkeit sehr offen auf und freundete sich damit überraschend schnell an. Im Grunde fühlte er sich erleichtert. Seine Stimmung war mitunter gar euphorisch, weil er endlich eine Erklärung für seine Probleme zu haben schien, für die er sich nicht verantwortlich zu fühlen glaubte. Er begann sich mit dem Krankheitsbild dieser psychischen Störung auseinanderzusetzen und fand tatsächlich plausible Beispiele aus seinem Leben, die diese Diagnose bestätigten. Konzentrationsstörungen, Impulsivität, vorschnelles Handeln, Zerstreutheit, Überempfindlichkeit, Empfänglichkeit für Konflikte, geringe Frustrationstoleranz und noch viele weitere Begriffe stimmten tatsächlich mit seinem Verhaltens-, Gefühls- und Denkmuster überein.
Der Psychiater verschrieb dem Patient Methylphenidat, welches er täglich in Form von Tabletten oral einzunehmen hatte. Nebst dieser medikamentösen Behandlung erfuhr der Patient eine wöchentliche Gesprächstherapie von jeweils einer Stunde. Er selbst fand in diesen Gesprächen weder Halt, noch Orientierungshilfe oder sinnvolle Hinweise, um sich weiter zu entwickeln. Gemäss einer Entscheidung der EU-Kommission wurde das Anwendungsgebiet hinsichtlich dieser Behandlung im Juni 2006, das sich auf ein Risikobewertungsverfahren stützte, europaweit eingeschränkt. Seither werden multimodale Therapieformen vorausgesetzt. Ausschliesslich medikamentöse Behandlungen mit Methylphenidat gelten als unsachgemäß und nicht ausreichend. Da die Gespräche beim Patienten keine nachweisbare Wirkung zeigte, fehlten die Voraussetzungen einer multimodalen Therapieform.
Der Patient vertraute dem Arzt. Er war zuversichtlich. Er befand sich in der Ausbildung zum Finanzfachmann und hatte soeben mit einem Praktikum im Finanzdepartement begonnen. Obwohl er zunehmend depressiv wurde und seine Familienmitglieder ihn vorsichtig auf sein verzerrtes Erscheinungsbild hinwiesen, nahm er weiterhin das Medikament. Er wurde zunehmend aggressiver, was den Umgang mit ihm deutlich erschwerte. Nach etwa sechs Monaten verschrieb ihm der Psychiater zusätzlich zu seiner Ritalindosis Cipralex, ein Antidepressivum, weil sich sein Gemütszustand verschlechtert hatte. Nach weiteren drei Monaten erhöhte der Arzt die Dosis von Methylphenidat, weil sich der Patient aufgrund der Antidepressiva wieder etwas impulsiver verhielt. Er fiel teilweise in seine ursprünglichen Verhaltensmuster zurück, welche er vor seiner medikamentösen Behandlung mit Ritalin gezeigt hatte.
Aber selbst die erhöhte Dosis in Kombination mit dem Antidepressivum hatte bei ihm keine Erfolge in seiner beruflichen und schulischen Leistungskurve erzielt. Im Gegenteil, er wurde wieder depressiv. Das Praktikum hatte er beendet, er wurde ausgesteuert und ihm blieb nichts weiter übrig, als sich bei der Sozialfürsorge zu melden. Die Ausbildung setzte er noch fort. Aber Lernerfolge blieben aus.
Nach weiteren drei Monaten, also insgesamt zwölf Monaten täglicher Zufuhr von Tabletten, erlebte der Patient ein aufgrund eines unerwarteten und sehr erfreulichen Ereignisses euphorisches Stimmungshoch. Er erfuhr, dass seine Frau ein Kind erwartete. Man schrieb den siebten September zweitausendsechs. Er beschloss von einem Tag auf den anderen, seine Medikation abzustellen, seine Ausbildung abzubrechen und die sich ihm bietenden neuen Herausforderung als angehender Personalsachbearbeiter zu stellen. Statt sich jedoch auf seine neue Aufgabe zu konzentrieren, kämpfte er gegen körperliche, seelische und geistige Entzugserscheinungen. Seine Konzentration war noch stärker eingeschränkt als vor der medikamentösen Einwirkung. Seine Hände zitterten. Er war kaum in der Lage in seiner neuen Arbeitsstelle zu funktionieren.
Er wurde Ende Oktober desselben Jahres gekündigt. Er erholte sich. Einen Monat später trat er eine neue Stelle in einem Verteilungslager für Textilien an.
Jedes einzelne Wort im Tatsachenbericht entspricht der Wahrheit. Bei dem Patient, von dem die Rede war, handelte es sich um mich. Noch heute, den elften Juni zweitausendfünfzehn, erscheint mir diese Geschichte unecht, fiktiv und unglaublich. Ich unterhielt mich gestern mit mehreren Menschen, die mir sehr nahe stehen. Ich fragte sie hinsichtlich meines Verhaltens und meines äusseren Erscheinungsbildes in der Zeitspanne zwischen Sommer zweitausendfünf und Herbst zweitausendsechs aus. Es folgten Schilderungen eines Menschen, den ich nur schwer mit meiner Person in Verbindung zu setzen wusste. Doch es lässt sich nicht leugnen, dass es sich dabei um mich handelte. Man hätte mir ebenso gut einen Zeitungsartikel vorlesen können, der das symptomatische Bild eines Junkies beschrieb. Ich wäre nicht weniger innerlich beteiligt gewesen.