Juraj Jascur

Textauszug: "In mir schlummert der Jäger, der Forscher und der Eroberer

In der Tat wirke ich nach aussen hin wie jemand, der herbe Niederlagen wie ein Held wegsteckt. Ich beginne von Null an. Als Hilfsarbeiter verdinge ich mich quasi. Mir bleibt keine andere Wahl. Das denke ich jedenfalls. Ich lasse mich von jungen Mädels, die noch nicht einmal zwanzig sind, schikanieren. Sie haben leichtes Spiel mit einem weltfremden Träumer wie mich. Ich bring nichts auf die Reihe. Mühsam erlerne ich die Kasse. Am schwierigsten erscheint mir, sich die Anordnung der Artikel in der Theke einzuprägen.
Zum Glück habe ich meine Träume. Ich träume seit ich denken kann. Also, warum soll ich damit aufhören. Ich glaube, das hält mich am Leben, gibt mir Mut zum weitermachen. Auch jetzt als Achtundvierzigdreiviertel Jähriger träume ich, während ich schreibe, Sport mache oder mich auf andere Weise beschäftige.
Als ich mich im Jahre 1997 von meinem Psychologiestudium schweren Herzens verabschiede, ist mein Traum von einer akademischen Karriere nicht ausgeträumt. Zuerst stelle ich mir bildlich vor, wie es wohl wäre, als Buchhalter durchzustarten. Aber irgendwie lande ich dann in einer Informationsveranstaltung für angehende Sozialarbeiter. Ich werde jedoch kein Sozialarbeiter. In einem Einzelgespräch zählt mir der für die Ausbildung zuständige Mann all die Möglichkeiten auf, die mir offen stünden. Plötzlich lenke ich das Gespräch in eine ganz ungewöhnliche Richtung.
Als ich mich von ihm verabschiede, habe ich eine Entscheidung gefällt. Ich werde Anwalt. Dass ich mich nicht zum Juristen eigne, erfahre ich dreieinhalb Jahre später, also im Frühjahr 2001. Ich habe es schon lange vorausgesehen, dass ich scheitern werde. Die Enttäuschung ist gross, aber bei weitem nicht so traumatisch wie damals, als ich beim Psychologiestudium versage.
Ich verliere keine Zeit. Ich wende mich einem neuen Lebensprojekt zu. Ich erlebe es wie ein Abendteuer. Mein Abendteuer des Lebens. Ich beschließe Buchhalter zu werden. Wie ein Raubtier stürze ich mich auf das Ziel. Ich absolviere ein Praktikum, wo ich kläglich versage. Ich werde auf der Arbeitstelle wegen meiner Unbeholfenheit regelrecht gemobbt. Das hindert mich nicht daran einen Halbjahreskurs im Rechnungswesen zu besuchen, den ich aber abbreche, weil mir die Motivation fehlt. Mir müsste es eigentlich spätestens da klar sein, dass ich nicht zum Buchhalter tauge.
Aber nein, ich höre nicht auf, von einer Buchhalterkarriere zu träumen. Ich absolviere eine Ausbildung zum eidgenössisch anerkannten Kaufmann. Normalerweise dauert diese Lehre drei Jahre. Als Erwachsener habe ich die Möglichkeit diesen Bildungsweg zu verkürzen. Nebenbei arbeite ich in einer Fabrik hundert Prozent. Dieses Mal schaffe ich es tatsächlich – in nur zwei Jahren, von August 2002 bis Juli 2004. Trotz der harten Arbeit, meistere ich die Abendschule mit Links. Ich lerne tolle Menschen kennen, die mit mir etwas gemeinsam haben. Sie sind alle erwachsen und befinden sich ebenfalls noch auf der Suche nach ihrer beruflichen Richtung.
Ich schliesse mit einem Notendurchschnitt von fünf ab. Im Fach Buchhaltung gehöre ich sogar zu den Besten. In der Schweiz bedeutet die Note fünf «Gut». In meiner kindlichen Euphorie denke ich, dass ich es geschafft habe. Jetzt stehen mir alle Tore zu einer besseren Zukunft offen. Ich brauche mich nur noch für eine Stelle im Büro zu bewerben und man wird mich mit Handkuss einstellen. Ich habe falsch gedacht. Niemand will mich. Und wenn mich jemand einstellt, dann werde ich gleich wieder gekündigt.
Ich habe noch nicht registriert, dass meine Odyssee der langen Suche schon längstens begonnen hat. Bis zu meinem siebenundzwanzigsten Lebensjahr bin ich ein Kind, das sich noch keine Sorgen über lästige Alltagspflichten wie Rechnungen bezahlen und dergleichen machen muss. Dann folgt der Sprung ins kalte Wasser. Ich werde erwachsen. Von da an beginnt meine mühsame Reise, welche mich von einem Job zum nächsten führt. Ich wechsle zwischen Himmel froh jauchzend, weil ich mich erfolgreich beworben habe, und zutiefst erschüttert, weil ich zum x-ten Mal gekündigt worden bin.
Obwohl ich es langsam satt habe, mich ständig zu verstellen, nur um meine Illusion aufleben zu lassen, dass ich es drauf habe und die anderen mich bewundern, mache ich stur so weiter, bis ich einundvierzig Jahre alt werde. Endlich halte ich an. Ich blicke zurück, orientiere mich neu und stürze mich in ein neues Lebensprojekt. Inzwischen sollte ich begriffen haben, dass ich wie ein manischer Draufgänger dazu neige blindlings auf ein neues Ziel zuzusteuern.
Ich analysiere meine Vergangenheit. Ich nehme die einzelnen Etappen in meinem Lebensweg unter die Lupe. Von meiner Mutter weiss ich, dass ich als Kind gewisse Auffälligkeiten aufweise.

  
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